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Berufe der Zukunft III

Heute: Stimmverzehrer. Oder: Was wird bloß aus mir?

Sehr geehrte Damen und Herren,

(Tröt.) wie in MALMOE-Ausgabe 57 zu lesen ist, zählen Gerätschaften zum Zwecke der Stimmmanipulation und deren Bediener_innen in gewisser Weise als Zukunftstechnologien. Ich möchte mich deswegen hiermit förmlich bei Ihnen als Stimmverzehrer bewerben. *

Lassen Sie mich damit beginnen, Ihnen näherzubringen, was mir Ihr Unternehmen nahegehen lässt. Die Zeichen der Zeit sind unüberhörbar: Der ewig widerhallenden Worte (der ewig widerhallenden Worte) zum Beispiel der Occupy-Bewegung (zum Beispiel der Occupy-Bewegung) und jeglicher Artikulation von Alternativen (und jeglicher Artikulation von Alternativen) sind genug. Deswegen beobachte ich mit Freude und voller Inspiration die Fortschritte, die die Branche der Stimmverzehrer – Avantgarde der Artikulationsreduktion, eine Wachstumsbranche sine qua non – Ende 2011 wieder verzeichnet.

Welch herausforderndes Tätigkeitsfeld mit dem dezenten Charme des stillen Lobbyismus in einem – kurz – „historischen“ Jahr! (Ähem.) Kurz zu meiner Person: Nach einem Schwenk-Masterstudiengang zwischen PR, Public Policy und Kommunikationsengineering habe ich Praktika in sich widersprechenden Interessensvertretungen absolviert und mich bei führenden Verlagsbeilagenagenturen hochformuliert. Für eine Steuererklärung, mit der ich gegen Staatsverschuldung polemisieren könnte, würde ich mittlerweile selbst die kleinste Utopie verkaufen. Am ersten Tag der Occupy-Proteste in meiner Stadt war ich shoppen, unter der Woche kommt man ja zu nichts. Ich bin, wie Sie sehen, bereit berufliche Verantwortung zu übernehmen. Ich blicke auf mehrere Jahre Europaauslandserfahrung zurück und kann mir neben „Kanzlerin Merkel setzt den Wachstumskurs fort!“ ohne Verkutzen die Zähne putzen oder einen Schirm aufspannen.

Und ich kann, ohne Schirm, hören, dass ein „Militärrat die Toten bedauert“, ohne mich samt Emotionen zu übergeben. (Laut.) Ich bin also krisenfest! In meiner Freizeit sitze ich gerne mit Freund_innen zusammen und vertiefe angesichts unseres Nicht-Verstehens komplexer Finanztransaktionen und lokaler Immobilienpreise meine Distanz zu einer grundsätzlichen gesellschaftspolitischen Position. Verzückt schütteln wir die Köpfe, dass eine_r von uns tatsächlich, haha, mit Bankpapieren in den letzten Monaten Geld gemacht hat. „Krise kann auch Entscheidung heißen“, sagen wir uns und beißen noch ein wenig auf der Zunge herum. „Sind wir bei dem Gewinner- oder den Verlierer-Prozent?“, das fragen wir uns. „Und soll darüber wirklich das Volk entscheiden?“ Wir nehmen die Stimmen professionell auf und schlucken sie runter. Wir üben uns also im Flüsterton.

Nun, bin ich Ihnen sympathisch? (Sanft.) Hat Ihre Kampagne mein Vertrauen? Finden Sie meine Lösungsansätze durchgreifend wortimplodierend, ausreichend status-quohaltend und auch noch diskret? Dann stehe ich Ihnen für weitere stimmmanipulierende Herausforderungen jederzeit ganz zur Verfügung. Über Ihre Rückmeldung – na ja, das wissen Sie schon.

kal

Anmerkung

* Da ich Ihrem Image-Video entnehmen konnte, dass Sie als große kapitalstarke Gedankenfabrik in unmittelbarer Nähe politischer Entscheidungsträger_innen nach wie vor weder Quotenregelung noch sonstiges Diversity-Management betreiben (keuch), ich mich als diplomierte Opportunitätssteigerin aber dennoch nicht von meiner Schlüsselposition in Ihrem Hause abhalten lassen möchte (keuch), bewerbe ich mich bei Ihnen explizit als „Stimmverzehrer“ (hust). Wie Sie sicherlich feststellen werden, beweise ich mit dieser überaus eleganten Umschiffung mühsamst angelaufener gesellschaftlicher Emanzipationsprozesse (röchel) schon die allerbesten Voraussetzungen, um mich als belastbarer, werteflexibler Teamplayer, aufstrebend und keinen Tritt nach hinten respektive unten scheuend, in Ihren Karrierepool von zukünftigen Stimmverzehrern hinein zu etablieren.

online seit 12.01.2012 11:02:48 (Printausgabe 57)
autorIn und feedback : kal


Links zum Artikel:
malmoe.org/artikel/alltag/2306Berufe der Zukunft II



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