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  „Was? Du bist nicht auf Gay Romeo?“

LGBTIQ-Flüchtlinge und die österreichischen Asylbehörden

In vielen Ländern werden Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Genderidentität verfolgt und zur Flucht gezwungen. Sie flüchten zum Beispiel nach Österreich, wo sie, wo sie den Asylbehörden zweierlei beweisen müssen: dass sie persönlich verfolgt werden und dass sie homosexuell sind. Dabei sind sie mit widersprüchlichen Vorurteilen über Flüchtlinge generell und Lesben, Schwule und Transpersonen und Intersex Personen (LGBTIQ) im Speziellen konfrontiert.
2014 erschien in MALMOE 65 ein langes Gespräch zum Thema Asyl für LGBTIQs. Seither hat sich einiges geändert. Die Organisation Queer Base – Welcome and Support for LGBTIQ Refugees, 2010 als informelle Gruppe gegründet, ist gewachsen, hat sich professionalisieren können und an Bekanntheit gewonnen. Der Verein leistet seit Jahren großartige Unterstützungs- und Lobbyarbeit.
MALMOE spricht mit den beiden Queer Base-Mitarbeiterinnen Cécile Balbous und Anastasija Goloskokova.

2014 wurden vor allem die Unterkünfte als größtes unmittelbares Problem angeführt, wo LGBTIQ-Flüchtlinge in Österreich psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt sind. Hat sich an den Problemen, mit denen geflüchtete LGBTIQs in Österreich konfrontiert sind, etwas geändert?

BALBOUS: Ja und nein. Die Unterbringung von LGBTIQs in den „normalen“ Unterkünften für Flüchtlinge und die homo- und transphobe Gewalt dort ist weiterhin ein Thema. Wir hatten zum Teil gute Kooperationen mit den Bundesländern und den Asylunterkünften, hatten dort unser Informationsmaterial aufliegen und haben in erster Linie versucht, geflüchtete LGBTIQs nach Wien zu holen. Neben privaten Unterbringungen haben wir hier in Kooperation mit der Diakonie seit 2016 die LARES*Homebase, ein Wohnprojekt für LGBTIQ-Flüchtlinge.
Seit den Änderungen im Fremdenrechtsgesetz 2017 geht das nicht mehr – die Leute haben nun eine Wohnsitzauflage und müssen bleiben, wo sie sind, sonst fallen sie aus der Grundversorgung. Das erschwert unsere Arbeit enorm. Wir versuchen etwas wie einen „humanitären Korridor“ durchzusetzen, damit wir LGBTIQ-Flüchtlinge nach Wien holen können, wo sie sicher sind und wir sie unterstützen können.
Wir haben gerade wieder einige Personen, die irgendwo am Land in Österreich untergebracht sind, völlig isoliert, und wo sie Angst haben, als Homosexuelle „aufzufliegen“. Diese Leute wissen zwar, dass man in Österreich grundsätzlich als LGBTIQ offen leben kann, aber sie selbst befinden sich de facto immer noch im gleichen Raum mit jenen Leuten und Einstellungen, vor denen sie geflüchtet sind.
Wenn dort wer den Verdacht hat, dass du schwul bist, hast du schnell Probleme mit den anderen Mitbewohner_innen. Du hast kein Geld, das nächste Dorf ist 10 Kilometer entfernt, und nebenbei ist dieses kleine österreichische Dorf dir gegenüber wohl auch nicht sehr aufgeschlossen. Frauen versperren und verbarrikadieren ihre Zimmer, weil die Männer in der Nacht kommen. Diese Geschichten hören wir oft, das ist Alltag und dagegen wird seitens der Unterkunfts-Betreiber_innen nichts unternommen.

Dokumentiert ihr bei Queer Base diese Vorfälle?

GOLOSKOKOVA: Das ist oft nicht möglich, weil die Betroffenen zu viel Scham haben, uns das gleich zu erzählen. Diese Geschichten kommen meist erst Monate später auf. Und dann ist es zu spät.
Generell sind die Scham und der Wunsch, zu vergessen, sehr groß. Man muss bedenken, dass wenn LGBTIQ-Flüchtlinge nach Westeuropa kommen, sie die Scham über ihre eigene Sexualität nicht gleich ablegen können – nach vielen, vielen Jahren des Versteckens, Verleugnens und auch der internalisierten Homophobie überschreitest du nicht eine Staatsgrenze und sagst auf einmal: „So, hier bin ich jetzt, ich bin lesbisch und stolz darauf!“ Das dauert sehr lange, bis sie wirklich realisieren, dass sie keine Angst mehr haben müssen und offen zu ihrer Homosexualität oder ihrer Genderidentität stehen können. Menschen bekommen auch nach Monaten in Österreich noch Panikattacken in der U-Bahn, weil sie Angst davor haben, entdeckt und geschlagen zu werden. Diese Erfahrung wurde so oft gemacht, das sitzt so tief drinnen. Diese Menschen bräuchten viel Zeit, Therapien, Sicherheit und Unterstützung, um das aufarbeiten zu können.
Und zur Frage des Dokumentierens: Sichtbarmachung generell ist ein zweischneidiges Thema. Als in den Medien zum Beispiel so viel über Tschetschenien geschrieben wurde und Folter von schwulen Männern dort, haben mir Leute erzählt, dass sie in den Camps als Folge noch mehr Angst hatten, dass irgendwer von den anderen Geflüchteten auch nur den Verdacht habe, dass sie schwul seien.

Wie sieht es mit den Behörden selbst aus, den Referent_innen, die die Interviews mit den Asylwerber_innen machen. Die meisten der Referent_innen haben in ihrem eigenen Alltag wohl wenig Berührungspunkte mit LGBTs, sollen nun aber deren Lebensgeschichten „prüfen“ und letztlich über deren Leben entscheiden. Gibt es hier mittlerweile Schulungen, mehr Wissen?

B: Man merkt, dass es Schulungen beim BFA (Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl) gab. Die Referent_innen nehmen mittlerweile Worte wie Coming Out oder LGBTIQ in den Mund, manchmal verdrehen sie das eine oder andere, aber sie sind sehr stolz darauf.

G: Leider ohne viel begriffen zu haben, was es zum Beispiel heißt, sich verstecken zu müssen. Gerade lesbischen Frauen wird im Asylverfahren immer noch oft vorgeschlagen, doch in ihrem Heimatland zu bleiben – man müsse ja niemandem sagen oder zeigen, dass man lesbisch sei.

B: Aufgrund dieser Oberflächlichkeit gehen wir nicht davon aus, dass irgendwer aus der LGBTIQ-Community diese Schulungen macht. Und das ist ein großes Problem, weil hier eine Mehrheit über eine Minderheit entscheidet, ohne die Probleme zu kennen, die LGBTIQs speziell haben – Coming Out, Ängste, Akzeptanz, Homophobie –, aber auch ohne die Vielfalt von LGBTIQs zu kennen – nicht alle Schwulen gehen täglich in die Disco und den Darkroom!

Es ist schwer, meine Sexualität einer Person zu „beweisen“, die nur Klischees kennt.

B: Und was die Leute für Klischees haben! Da wird gesagt: „Ok, du sagst, du bist schwul, aber ich habe andere Schwule gesehen – und die waren ganz anders als du. Wie kannst du also schwul sein?“ Oder: „Was, du bist schwul und kennst das Why Not nicht? Und die Mangobar?“ (1) Oder: „Du bist aber nicht auf Gay Romeo? Aber alle Schwulen, die ich kenne, sind auf Gay Romeo!“ Nebenbei: Wäre der betreffende Asylwerber auf Gay Romeo, dann wäre das wohl auch wieder ein Grund dafür, ihm kein Asyl zu gewähren. Weil: Kannst du sagen, dass du verfolgt bist, wenn du auf Gay Romeo bist? So oder so – du kannst einfach nur verlieren.

Menschen, die aufgrund ihrer Sexualität oder Genderidentität flüchten mussten, sind nicht nur mit Klischees über LGBTIQs konfrontiert, sondern auch mit der Vorstellung davon, wie ein Flüchtling im Allgemeinen zu sein hat.

B: Menschen, die furchtbare Sachen erzählen und trotzdem selbstbewusst und sicher sind, vielleicht sogar begonnen haben, sich hier in Wien in der Community zu engagieren, werden als nicht glaubwürdig abgestempelt. Weil sie nicht in das Opferbild der Asylbehörden passen. Weil sie zu selbstsicher sind. „Wie können Sie so traumatisiert sein und gleichzeitig ein B1 in Deutsch haben?“ Oder: „Wie können Sie auf den Fotos so lustig aussehen, da haben Sie ja Spaß, so schlecht kann es Ihnen nicht gegangen sein. Sie lügen!“
Wenn Flüchtlinge aber wiederum zu wenig sprechen, dann ist das auch schlecht. Und vielen Menschen, die wir begleiten, fehlen oft die Worte. Manche hatten nicht die Möglichkeit, darüber nachzudenken, wer sie denn sind, und können ihre sexuelle Orientierung und Identität nicht in Worte fassen. All die Begriffe, die uns als westeuropäische LGBT-Bewegung so geläufig sind, sind ihnen fremd. Sie können maximal sagen: „Ich mag Frauen“, oder: „Ich mag Kleider“. Und wenn du fragst, bist du schwul, dann wissen sie nicht, was das heißt.
Nach Jahren der Verfolgung und des Versteckens wird vom Staat Österreich erwartet, dass die Leute auf einmal ganz offen einer wildfremden Person über ihre Homosexualität erzählen. Einfach so. Dabei haben viele gerade erst ihr Coming Out! Und was man auch oft vergisst, ist die internalisierte Homophobie. Die Scham, die die Leute in sich tragen. Wir begleiten Leute ein Jahr durch das Verfahren und sie sitzen da und sagen uns immer noch: „Ich bin eine Missgeburt. Weil Gott hat gesagt, ich bin nicht normal.“ Wenn du das dein Leben lang zu hören bekommst, macht das etwas mit dir.

G: Generell gibt es eine komplette Ignoranz gegenüber anderen Genderperformances oder Haltungen bzw. der Tatsache, dass Menschen mit erlebter Gewalt sehr verschieden umgehen.

Wie stehen die Chancen für einen positiven Asylbescheid für LGBTIQs?

B: Ich habe den Eindruck, dass wenn die Leute glaubwürdig vermitteln, dass sie lesbisch, schwul, transgender oder intersex sind, und die Referent_innen ihnen das glauben, dann wird Asyl gewährt. Sagen wir mal bei 80 %.

G: Und je nach Land natürlich und wie die Gesetzeslage bezüglich Homosexualität dort aussieht. Außerdem musst du ja wirklich die persönliche Verfolgung nachweisen.

Ich nehme an, genau das ist das Problem: den Beamten der österreichischen Asylbehörden glaubwürdig zu vermitteln, dass du verfolgt wurdest. Das impliziert ja, dass diese dir glauben wollen.

B: Das Verhalten von Mitarbeiter_innen der Asylbehörden ist manchmal grenzwertig und respektlos. Wir merken, dass weil die Anerkennungsquote aufgrund der Zugehörigkeit zur LGBTIQ-Community höher ist, die Glaubwürdigkeit noch mehr geprüft wird. Und da werden Wege gesucht, die Asylwerber_innen in Widersprüche zu verstricken und sie zu verunsichern. Es werden Fallen gestellt. Es wird dreimal die gleiche Frage gestellt, und die Leute schildern dann dreimal ihr traumatisches Erlebnis. Wenn du innerhalb von vier Stunden dreimal erzählen musst, wie du vergewaltigt wurdest, und in dieser Zeit gehen die Mitarbeiter_innen rein und raus und quatschen – „Karli, magst an Kaffee?“, „Du, kannst mir schnell was kopieren?“ – das ist menschenunwürdig! Während die Flüchtlinge die schrecklichsten Geschichten erzählen, wird in Handtaschen gekramt, Kaugummi gesucht, weggeschaut, Stühle werden verschoben. Anfangs dachte ich, das hat mit den jeweiligen Menschen zu tun, dass diese eine Referentin irgendein Problem hat. Mittlerweile habe ich das so oft erlebt, dass ich davon ausgehen muss, dass das System hat.

Oft fehlen Dokumente. Und Verfolgung und Hass gegen Personengruppen und Individuen sind auch oft subtiler bzw. anders, als es sich die Beamt_innen der österreichischen Asylbehörden gemeinhin vorstellen – deshalb aber nicht weniger Existenz bedrohend. Wie kann ich meine Verfolgung „beweisen“?

B: Klar gibt es auch die einfachen Fälle, wo die Behörden nicht anders können als die Verfolgung anzuerkennen. Zum Beispiel du wurdest verhaftet oder die Polizei sucht dich offiziell. Oder das Beispiel eines Mannes aus Nigeria, wo 14 Jahre Haft auf Homosexualität stehen: Er ist erwischt worden und war zwei Jahre im Gefängnis und konnte irgendwie entkommen. Selbst da fragen sie: „Wo sind deine Entlassungspapiere?“ Die hat er natürlich nicht, weil er sich seine Entlassung „erkauft“ hat. Wie soll er also Papiere haben? Aber in dem Fall können die Behörden nicht anders, als das zu akzeptieren.

Aber die typische Situation, in der Menschen beschließen, das Land zu verlassen, ist ganz anders: Ein Typ trifft sich mit einem anderen in der Bar, sie sind sehr vorsichtig, umarmen sich vielleicht einmal, küssen sich flüchtig, haben das Gefühl, dass sie beobachtet werden, bekommen die Panik und fliehen. Weil sie nicht wissen, ob morgen wer kommt, oder übermorgen, ob sie deiner Familie Gewalt antun, oder deine Familie dir, ob dich wer gesehen hat oder nicht. Genau diese Bedrohung, diese Existenzangst beschreiben sie in ihren Asylinterviews. Und die Antwort darauf ist: „Na ja, is’ ja nix passiert!“

G: Da kommt es echt zu abstrusen Situationen. Eine Person erzählt über ihre Verfolgung und die massive Gewalt, die sie erfahren hat, und dann fragt der Referent „Ja, aber warum sollten die denn ausgerechnet Sie töten wollen?“ Dieses System will ganz klare Beweise, aber psychische Gewalt kann man sehr schwer „objektiv“ nachweisen. Aber auch bei physischer Gewalt ist es oft schwierig, weil Opfer zum Beispiel nicht ins Krankenhaus gegangen sind oder die Gewalt nicht angezeigt haben oder aus Angst nicht die wirklichen Gründe genannt haben, warum sie verprügelt worden sind. Und daraus wird ihnen dann in Österreich von den Behörden ein Strick gedreht. Das sind lauter Hürden, die aufgestellt werden, damit der Nachweis der eigenen Sexualität und Verfolgung möglichst schwer ist.

Sind Lesben und Schwule verschieden betroffen von homophober Gewalt? Mit welchen Problemen sind speziell Lesben konfrontiert?

G: Bei Lesben ist es physische Gewalt und psychische Gewalt, oft auch Erpressung. Ob Schwule mehr physische Gewalt abbekommen, ist schwer zu sagen, generell hat das wohl mehr mit der Genderperformance der Personen, denn mit ihrem Geschlecht zu tun. Wenn Schwule zum Beispiel weiblich aussehen, werden sie schnell zur Zielscheibe. Wenn Frauen nicht dem traditionellen Geschlechterbild entsprechen, sind sie auch mehr gefährdet für physische Übergriffe. Männer werden dann entwertet, weil sie „wie Mädchen“ sind – und Frauen lehnen sich gegen die Gottesordnung und die ihnen darin zugeteilte Rolle auf.

B: Andere LGBTIQs erfahren weniger offene Gewalt, weil sie weniger sichtbar sind bzw. auch die Strategie der Unsichtbarkeit gewählt haben, um sich zu schützen. Was dann aber trotzdem oft vorkommt, ist, dass andere davon Wind bekommen und sie erpresst werden. Weil diese Form der Gewalt auch unsichtbarer ist. Psychoterror. Sexualgewalt. Und das erzählen alle lesbischen Frauen, länderübergreifend.

G: Zwangsheirat ist ein großes Thema des gewaltvollen Unsichtbar-Machens. Das ist sehr weit verbreitet als „Heilmethode“ bzw. wird von den Familien erzwungen, um den Schein nach außen zu wahren. Von Zwangsheirat sind Männer und Frauen, Schwule und Lesben, betroffen – aber mit sehr unterschiedlichen Konsequenzen. Da der Mann in unseren patriarchalen Gesellschaften „Herr im Haus“ ist und bestimmt, wird der schwule Mann, der mit seiner Frau keinen Sex hat, weniger ein Problem haben als die lesbische Frau – die von ihrem Mann vergewaltigt wird.
Und absurderweise ist gerade die Tatsache, mit einem Mann verheiratet gewesen zu sein, oft ein Grund, warum Frauen ihre Homosexualität nicht geglaubt wird. Das ist Resultat einer völligen Unkenntnis über die Lebensrealitäten von LGBTIQs.

1) Why Not und Mangobar sind sehr bekannte Clubs der Wiener Schwulenszene, Gay Romeo ist eine Datingplattform für Schwule.

online seit 23.06.2018 13:41:14 (Printausgabe 83)
autorIn und feedback : Interview: Nikola Staritz




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