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  Die rätselhafte Automobilität

THE REAL CRIME INC PRESENTS: Die geheimnisvollen Fälle des Inspektor Zwezler

Inspektor Zwezler drehte das Radio wieder leiser. „Es ist erschreckend, mein lieber Moik. Diese schockierenden Aussagen vom eigenen Chef aus dem Radio zu hören. Warum hat er nie etwas gesagt?“

„Vielleicht wollte er uns davor schützen? Er weiß ja, wie uns diese Dinge zu Herzen gehen. Und Ihr Blutdruck, Herr Inspektor. Denken Sie an Ihren Blutdruck. Das könnt’ gefährlich werden.“
„Aber wir hätten etwas tun können. Verstehen Sie nicht, Herr Kollege, wir hätten die Ermittlungen ausweiten können.“

Der Inspektor und sein Kollege zischten in ihrem geheimen Dienstwagen den Gürtel entlang. Nach einem neuerlich ungewöhnlichen Unfallbericht aus der Steiermark hatten sie beschlossen, eine kleine Runde durch die Bezirke zu drehen. In den Zeitungen wurde bereits das Gerücht verbreitet, dass jene Autofahrer_innen, die gezielt Menschen, die instinktiv als bedrohliche Asylbewerber_innen auszumachen waren, in Unfälle verwickelten, aus vorsätzlichen Gründen handelten. Den einen hatte es schließlich gut erwischt und dieser lag nun im Krankenhaus. Aus kriminologischer Perspektive sollte man natürlich nichts von vornherein ausschließen, es könnte sich demnach um eine politisch motivierte Tat handeln, aber übertreiben sollte man auch nicht. Denn der Grundsatz, dass alles im Bereich des Möglichen ist, gelte nicht nur für die Lenker_innen, sondern auch für das Auto, so der Inspektor zum Moik, bevor sie ins Auto stiegen. Ein Polizeigerücht, das ebenfalls herumschwirrte, besagte, dass nicht der Fahrer, sondern eventuell das Fahrzeug … aber dafür gab es noch keine Beweise. Der Moik hatte daraufhin die Idee, dass sie doch bei Unterkünften von Asylwerber_innen vorbeifahren sollten, nur um zu sehen, ob Autos generell irgendwie auffällig oder anders bei diesen Orten oder Personenkreisen reagieren. Es könnte ja sein, dass diese quasi über einen eingebauten Schutzreflex verfügen, der bis jetzt gar nicht zur Kenntnis genommen wurde. Auf dem Weg nach Floridsdorf versuchte sich der Moik darin, sein Wissen über Servo-, Dynamik- und Aktivlenkung mit jener philosophischen Debatte über Leitkultur, Identität und Asylobergrenze zu verbinden. Als er in die Siemensstraße einbog, meinte der Inspektor knapp: „Da könnt schon was dran sein. Die Automobile sind wahrscheinlich in gewisser Hinsicht viel sensibler als wir bis jetzt angenommen haben.“

Als er auf einer Hausmauer den Schriftzug „refugees welcome“ entdeckte, kam er um eine Vollbremsung nicht umhin. „Moik, schauen Sie, das ist es, wovor unser Chefdirektor Grindig gewarnt hat. Diese allgemeine Radikalisierung. Wie sollen wir das Ansteigen rassistischer und ausländerfeindlicher Straftaten verhindern, wenn die Linken ständig provozieren? Die Straftaten hätten sich nie verdreifacht, wenn die ultraradikalen Linken nicht mit dieser Willkommenskultur angefangen und die Mitte der Gesellschaft mit etwas infiziert hätten, dass diese gar nie so wollte.“ „Die Mitte sollt’ ja eigentlich neutral sein, oder Herr Inspektor? Der Herr Grindig hat ja gesagt, die Meinungen der linken und rechten Ränder sind nun in der Mitte angekommen. Früher gab’s da eine pragmatische Wurschtigkeit.“ „Die mitmachende Mitte hat mir von Anbeginn große Sorgen bereitet. Da erstürmen sie den Westbahnhof, um tausenden Asylwerber_innen zu helfen und dann das hier. Sie fahren sie nieder.“ „Das ist natürlich tragisch, aber die Hauptschuld haben immer noch die, die in Scharen über den Balkan heraufschwappen und die Menschen …“ „Und vielleicht Fahrzeuge“, unterbrach der Inspektor „… in eine ganz unnatürliche Erregung versetzen. So kennen wir unsere österreichischen Pappenheimer gar nicht, oder was meinen Sie, Herr Inspektor?“ „Wie lange unseren ehrenhaften Chefdirektor Grindig wohl schon dieses dunkle Geheimnis in seiner Aktentasche bedrückt? Dass …“ Zwezler schabte mit seinen Schneidezähnen über seine Unterlippe und versetzte bitter: „Dass unsere Gesellschaft ja gar kein glücksbringendes Hufeisen mehr ist, bei dem sich die Extreme gefährlich nahe kommen, sondern sie durch das permanente Hochschaukeln der nun verbindenden Mitte eher einem Ei gleicht. Und ein Ei hat keinen Rand, sondern eine Schale!“

Sie hatten ihr Ziel erreicht und das plötzliche Stoppen des Motors verstärkte noch die gespenstische Stille, die sich über die beiden gelegt hatte. Sogar Moiks Kratzen seines Kinnes war wegen des Dreitagebartes überdeutlich zu hören. „Mein lieber Inspektor, wie können wir die Risse dieser zerbrechlichen Schale denn jemals wieder kitten? Können Sie sich noch an diese Kurznachrichtendienste erinnern?“ Auf keiner Theaterbühne und schon gar keiner Kanzel hätte die nun folgende Pause seine Wirkung verfehlt. Zwezler nahm aber ganz kurz eine Hand vom Lenkrad und drängte mit wildem Rudern zur äußersten Eile. „Bitte keine Babynahrung und kein Mineralwasser mehr. Unser Depot ist übervoll. Das muss doch zu Reaktionen aufstacheln!“

Der Inspektor starrte auf die mittlerweile erloschenen Anzeigen des Armaturenbretts. Nichts rührte sich und das grenzte angesichts der Ungeheuerlichkeit dieser Worte ja schon fast an ein Wunder. Vielleicht hatten die vielen Dienstjahre zu einer gewissen emotionalen Abstumpfung bei diesem Modell geführt. Bevor sie ihren Lokalaugenschein in der neuen Massenunterkunft begannen, zog Zwezler dennoch die Handbremse ganz fest an. In Zeiten wie diesen musste schließlich jede Bewegung im Keim erstickt werden.

online seit 16.06.2016 07:37:00 (Printausgabe 74)
autorIn und feedback : The real crime inc




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