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  In your face, ­Laurie Penny!

Wie Margarete Stokowski in ihrem Bestseller-Roman "Untenrum frei" nicht nur eine humorvolle Spitze nach der anderen liefert. Sondern auch als subtile Message an Laurie Pennys "Fleischmarkt" gelesen werden kann.

Was warst du beim Mutter-Vater-Kind-Spielen im Kindergarten? Ich erinnere mich: Ich wollte immer die 16-jährige Tochter sein, die selten zu Hause ist. Margarete Stokowski wollte immer den Hund spielen.

Alltagspointen wie diese gehen der Autorin in ihrem ersten Werk Untenrum frei merkbar leicht von der Hand. Durch den mitreißenden Stakkato-Stil führen sie zu einem genüsslichen Binge-Reading: Die TV-Serien Please like me und Orphan Black müssen erstmal warten. Denn jetzt schreibt Stokowski auf wie im Flug vergehenden 230 Seiten, wie zum Großwerden schon als Mädchen das Schön-sein-Wollen und das Schön-schreiben-Wollen dazu gehörten. Welche Rolle sexistische Abzählreime und Walt-Disney-Filme hatten, und dass sie und ihre FreundInnen weder für die Vulva, die Klitoris noch für die Vagina ein passenderes Wort als „Spalte“ lernten.

Stokowski erzählt vom widersprüchlichen Anspruch an Mädchen ab zwölf, bitte immer sexy -– aber bitte nie billig! – zu sein. Und von ihrem Versuch, mehr über Liebe und Sex zu erfahren, und wie dieser in stundenlangen Nachmittags-Talkshow-Sendungen mündete, in denen Arabella, Sabrina und Sonja oder auch Andreas Türck und Oliver Geißen (man beachte, wer hier Nachnamen hat) die Liebesg’schichten, Heiratssachen und Seitensprünge ihrer Gäste zur Schau stellten. Wer davor noch keinen hatte, hat ihn nach der Lektüre: einen sehr aktuellen Begriff von Sexismus.

Rückbezug auf Laurie Penny

Nicht zu übersehen sind dabei Stokowskis Bezüge auf Laurie Pennys Fleischmarkt, die die zentrale These ihres Buches tragen. Bei Penny lautet das so: Im modernen westlichen Kapitalismus gebe es eine „Dialektik des Sexuellen“. Damit bezeichnet sie das Verhältnis von „verdinglichter Sexualität“ und einer vom Kapitalismus vermeintlich unangetasteten Sexualität. „Das Erotische“ sei zur allgemeinen Dimension des Tausches geworden und wird strikt vom eigentlichen Sex getrennt. Dadurch ergibt sich ein „Erotisches Kapital“ auf der einen und eine „Sexualität an sich“ auf der anderen Seite. Erotisches Kapital ist zum Beispiel: Pornographie, die Seite sieben in der Kronen Zeitung, die Autowerbung mit dem Pin-Up-Model, die allgemein rigide und sexistische Sexualmoral. Die „Sexualität an sich“ ist insbesondere das unterdrückte und bekämpfte „weibliche Fleisch“, vom behaarten Körper bis zu Fett und Schweiß.
Der „Fleischmarkt“ ist also die Tausch-Sphäre des Erotischen Kapitals, auf dem Weiblich- und Männlich-Sein zur Marke wird. Das Mitmachen ermöglicht, dass das Verhältnis von Produktion und Reproduktion ideologisch unhinterfragt gestärkt wird und damit der Kapitalismus am Laufen gehalten wird. Nicht-Mitmachen bedeutet die Androhung des Verlusts einer eindeutigen Geschlechtsidentität, und damit von Identität überhaupt – deswegen ziehen Beschimpfungen wie „Mannsweib“ oder schlicht „Mädchen“ so gut.

F**k you! <3

Bei Penny bekommt diese Beobachtung jedoch konservative Züge, wenn sie ihr Schreckensszenario so skizziert: „Teenager, die Ingwerbier trinken und Picknicks veranstalten sollten, tragen Stringtangas und hören Lily Allen.“ Was jetzt an Lily Allen verkehrt sein soll? In der Fußnote erläutert die Übersetzerin: „Die Songs von Lily Allen haben stark sexualisierte, derbe Texte.“ Gerade dass Stokowski bei dermaßen konservativem Kulturpessimismus nicht mitgeht, macht ihr Buch neben der Kraft, selbstständig zu denken, so sympathisch. Lily Allens Lied Fuck you wird bei Stokowski dann auch nicht nur zum Namensgeber des Kapitels Eine Poesie des Fuck you. Sondern auch zur feministischen Kampfhymne, zum Mittelfinger gegen den Sexismus von heute und zum Soundtrack einer aufrechten Haltung in der Tradition von Marie Olympe de Gouges. In your face, Laurie Penny!

Die beiden Bücher sind eindeutig miteinander verwoben, und könnten doch unterschiedlicher nicht sein. Penny ist klar zugutezuhalten, dass Kapitalismus und Gesellschaft überhaupt eine Rolle spielen: Sexismus erscheint bei ihr nicht als zufällige gesellschaftliche Ausdrucksform, sondern als kapitalistische Herrschaftsideologie, die auch mit den Kategorien class und race verwoben ist. Stokowski demgegenüber ist aber eindeutig die klarere Denkerin und bessere Schreiberin, mit humorvollen Spitzen auf jeder Seite. Und: Stokowski ist keine Anhängerin des antisemitischen Boycott-Divestment-Sanctions-Bündnisses. Wer also nur Zeit für eines der beiden Bücher hat, sollte das bessere lesen – Untenrum frei.

Margarete Stokowski: Untenrum frei. Rowohlt 2016, 256 Seiten


online seit 31.05.2017 16:17:44 (Printausgabe 78)
autorIn und feedback : Flora Eder




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