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  Die MALMOE-Rechnung

Zu jedem runden Geburtstag eine rituelle Entblößung. Also bitte, hier exklusiv: wie MALMOE eigentlich funktioniert.

Beginnen wir einfach. MALMOE hat eine Auflage von 10.000 Stück und erscheint vier bis sechs Mal pro Jahr mit 32 Seiten. MALMOE hat die Adresse 1181 Wien, Postfach 239.

MALMOE gibt es seit zehn Jahren, aber manche aus der Redaktion sind schon seit elf Jahren dabei. Manche erst seit drei und die denken, es wird eine Erklärung dafür geben. So wie für den Namen, vielleicht erfährt man das später mal.

Die Mailingliste von MALMOE heißt jedenfalls dementsprechend gründungsgeschichtlich Novela2000. Wie viele LurkerInnen da drauf sind, weiß man nicht so genau. Manchmal hat sie deshalb etwas von Wüste – und dann plötzlich wie z.B. vor dem Schwerpunkt „Wir nennen es rechtsextrem“ schießt die Diskussion. MALMOE googelt und doodelt – auch wenn wir Postfordismus und Infomonopole als Dornen erkennen –, das Herzstück der Arbeit ist das wöchentliche Treffen der Redaktion. Oder ihrer Teile. MALMOE-RedakteurInnen sind nämlich manchmal auch ziemlich unberechenbar, was Menschen, die Kinder betreuen oder solche, die nicht 50 Minuten vorher noch Emails lesen, manchmal nervt. Dafür gibt es immer ein Protokoll. Man kann theoretisch und praktisch also auch die Sitzungen lurken. Wenn nicht gerade jemand alleine im Kaffeehaus (dort wird sich nämlich getroffen) gesessen ist, ist MALMOE also ein ziemlich umgängliches Kollektiv, das temporär die Formationen Multitude, Rhizom, Schwarm oder Schwärmer inkorporiert.

MALMOE misst ca. 45x30 cm, hat wie andere Publikationen eine Reichweite und AbonnentInnen. Aber wer alles auf MALMOE reagiert, kann manchmal überraschen: Wir bekommen Post von Menschen aus dem Controlling, Unternehmer-Web, von deutschen Pfarrämtern und der NEWS-Chronik, Aboerklärungen mit oft deklaratorischem Charakter (siehe Streifzug) und pro Person und Ausgabe mindestens zwei persönliche Rückmeldungen. MALMOE wurde schon rezensiert und möchte die eigenen Rezensionen eher zurückschrauben. MALMOE war schon mal bei der Kunstschau Documenta in Kassel, hat sich aber ziemlich geärgert. Es gab eine Aboanfrage Richtung USA (Max, warst du das?), aber leider ist das Porto so teuer.

Laut Facebook hat MALMOE 1020 Friends, wir hoffen auch >1020 FreundInnen. Dort steht auch zu lesen, dass MALMOE sich weiblich fühlt, am 1. Mai 1984 Geburtstag hat und danach mit Malmö Högskola und Malmö Borgarskola einen klassisch schwedischen Bildungsweg absolvierte. Statistikversuche haben ergeben, dass Frauen in der Redaktion tatsächlich knapp in der Mehrheit sind. Das Alter liegt tendenziell über 30, irgendwas zwischen 27 und 45. Durch den realen Ort Malmö ist man allerdings nur mal durchgefahren oder hat beim Warten auf die Fähre im Park Kaffee gekocht.

MALMOE-Machen ist aktuell leider kein Beruf. Nach den anfänglichen Ambitionen, mit dem eigenen politischen Anspruch auch in die Räume und Produktionsrhythmen des Mainstream zu gehen, ist die Nicht-Professionalisierung heute redaktionelle Position. Das heißt auch, dass MALMOE auch Anderes arbeiten, vor allem in Medien, Kunst, Wissenschaft, Pädagogik, Bürokratie, Bankwesen und in Vereinen. Wir haben eher mehr Teilzeit- und geringfügige Beschäftigungen und zusätzliche Werkverträge pro Monat, wir haben drei Jobs gleichzeitig, aber auch Festangestellte, die strukturell Überstunden machen. Sehr unterschiedlich ist die praktische Erfahrung mit dem AMS – auch weil manche gar keine Ansprüche haben – genauso wie das Einkommen zwischen brutto 700 und 7000 Euro. Manche reflektieren die Verwertbarkeit von MALMOE in ihren Lohnarbeits-Kontexten, andere müssen oder wollen ihre Beteiligung eher verstecken. Unsere fleißigen AutorInnen Tommy und Annika Settergren haben diese Probleme nicht. MALMOE ist kein Parteimitglied. Der Austritt aus der katholischen Kirche passierte tendenziell vor dem 25. Lebensjahr, oder man ist aus Faulheit noch evangelisch. Eine Glaubensfrage ist bei MALMOE die Begrenzung von Texten: 12.000 Zeichen, ein oder zwei Seiten. Manche finden, wenn es spannend ist, sollte es gar kein Limit geben. Die Schriftgröße beträgt jedenfalls 9 Punkt und das MALMOE auf Seite 1 hat 100 Punkt. MALMOEs selbst lesen zwei bis drei Stunden pro Nummer, am liebsten am Sofa. MALMOE hat manchmal lange Sätze, gerne Wörter mit -ung oder -ät, aber wir meinen es nicht böse und tanzen auch gern. Generell gilt, MALMOE bevorzugt das freie Bild und Wort gegenüber Durchschnitten und Statistik und gegenüber Fragebögen. Dieser Text präsentiert also radikale Unrepräsentierbarkeit – ist ja auch immer wieder Thema.

Die in/offizielle Arbeitsteilung ist auch bei MALMOE tricky. Laut Impressum hat MALMOE aktuell 17 RedakteurInnen und 21 weitere AutorInnen in dieser Ausgabe, einen Webmaster, einen für Layout und Graphik, eine Druckerei und drei Menschen für’s Lektorat. Aber es geschieht noch viel mehr, oft unsichtbar und für’s Lesen dennoch unverzichtbar: die Betreuung der Schwerpunkte, Kontakt mit AutorInnen, Redigieren, Betreuen von Website (Ja, wir wollen auch einen Relaunch.) und Webplattformen, Email-Verkehr, Adress- und Aboverwaltung, Erinnerungsschreiben, Druckkosten überweisen und Konto führen, Verteilen der Hefte, Kontakt zur Druckerei, Geld besorgen und Archivieren, Bildredaktion und Endredaktion, also die Leistung, eine Vielzahl von einzelnen und – wie dieser hier – ewig zu spät kommenden Texten zu einem druckfertigen Ganzen zusammen zu führen. Zwölf bis zwanzig Stunden arbeitet eine/r pro Ausgabe ungefähr. Gedanken an einen Redaktionsaustritt sind dennoch selten und dafür nachhaltig oder regelmäßig, aber nicht ernsthaft. Oder wie eine sagt: „Ab und zu in den letzten Jahren – aber nicht im Groll, sondern in der Hoffnung, in Pension gehen zu können, weil eh alles super weiterläuft …“ Insgeheim verbindet die gemeinsame Motivation, das nächste MALMOE-Party-Motto und jede Menge sich überschneidende Wünsche – darum geht es weiter!

Was MALMOE sich selbst wünscht: neue Leute in der Redaktion, als AutorInnen und LeserInnen. Nach wie vor bewusst Frauen, MigrantInnen mit und ohne Papiere, SchreiberInnen mit Behinderung, Transpersonen, Junge, SeniorInnen, schreibende ArbeiterInnen und Menschen mit unterschiedlichen Ausdrucksweisen. Wir hätten gerne eine neue Website und Geld, aber vor allem den Mut und die Energie zu Grundsatzfragen und (weil`s sein muss und tatsächlich ernst gemein ist) noch ein langes Leben. Radikalität, Unkorrumpierbarkeit, Frühpension, Ausdauer, Bewegungsfreiheit, bedingungsloses Grundeinkommen, emanzipatorische Überlegungen statt nur Sudern – und dass alles besser ist!





online seit 21.05.2010 10:29:07 (Printausgabe 50)
autorIn und feedback : (Red)




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