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  Das silberne Geschoss

Ein Interview mit Evgeny Morozov über die Möglichkeiten und Gefahren der Nutzung des Internets im Allgemeinen und jener von Social Media Seiten im Besonderen im Zusammenhang mit Demokratisierungsbewegungen von Ägypten bis Weißrussland.






Carlo Ponti: In deinen Artikeln zeigst du sehr nuanciert die Möglichkeiten, aber auch die Gefahren, die mit der Nutzung des Internets im Zusammenhang mit Demokratisierungsbewegungen einhergehen, auf. Was sind aus deiner Sicht die großen Vorteile?

Evgeny Morozov: Ich sehe vor allem drei große Vorteile: Erstens vereinfacht die Nutzung des Internets die Kommunikation zwischen einzelnen Mitgliedern von Protestbewegungen bzw. -netzwerken. Zweitens macht es die Verbreitung von Informationsmaterialien deutlich einfacher. Und drittens ermöglicht es die Mobilisierung von Menschen um Themen, die autoritäre Regime bisher nicht als politisch wahrgenommen haben.

CP: Und was sind die Nachteile, bzw. wie könnten Technologie-affine Bewegungen mögliche Gefahren vermeiden, indem sie das Internet anders nutzen?

EM: Grundsätzlich sind die Nachteile mehr oder weniger die Kehrseite der Vorteile. Bewegungen organisieren sich zu dezentral, dadurch werden sie anfällig für Über- bzw. Misskommunikation. Es ist natürlich einfach zu sehen, warum sich viele Bewegungen für dezentrale Methoden entscheiden: Es geht einfach leichter, allerdings ist es nicht immer sehr effektiv. Ich denke ja, dass meistens mehr Zentralisierung helfen würde.

Hinzu kommt natürlich, dass durch das Internet Protestbewegungen bzw. -netzwerke leichter von den Regimen überwacht werden können. Nicht nur das, oftmals können sie durch Echtzeit-Beobachtung geplante Aktionen vorwegnehmen, sich darauf einstellen und entsprechend reagieren.
All diese Nachteile können natürlich vermieden werden. Nur dadurch gehen wiederum ein paar der ursprünglichen Vorteile verloren, weil es alles komplizierter macht. Darüber hinaus setzt es ein großes Maß strategischen Denkens voraus.

CP: Kannst du mehr von der Reaktion autoritärer Regime erzählen? Generell enden die Nachrichten ja mit Twitter-Revolution Erfolgsgeschichten. Ich denke da z.B. an deine eigenen Artikel zu Weißrussland, aber auch die gut dokumentierten Erfahrungen aus Ägypten.

EM: Wie du in der Frage schon angedeutet hast, habe ich dazu schon umfassend anderswo geschrieben, ich weiß also nicht, ob ich jetzt etwas Neues sagen kann.

Aus Sicht der Regierungen ist es durch das Internet ebenfalls einfacher geworden Propaganda zu verbreiten, hinzu kommen natürlich die Überwachung bzw. die schon angesprochene Vorwegnahme von Dissens. Drittens zeigen die Erfahrungen, dass Regierungen auch die vielversprechendsten Blogger kooptieren und sich ihrer Beratungsleistung bedienen. Viertens beschneiden sie Redefreiheit indirekt, das heißt ohne Spuren zu hinterlassen, indem sie z.B. durch Cyber Attacken eingreifen.

CP: Was bedeutet das für die westlichen UnterstützerInnen bzw. PolitikerInnen? Welche technodeterministischen Mythen sollten im Zuge der unbestreitbaren Möglichkeiten, die mit dem Internet bzw. Social Media einhergehen, vermieden werden? Was kann und soll getan werden, um zu helfen, online geäußerten Widerstand in tatsächliche Veränderung zu übersetzen?

EM: Schon wieder so eine große Frage. Das Mindeste ist, dass sie verstehen müssen, dass die meisten Digital Activists westliches Geld nicht brauchen. Noch dazu, wo es für die Bewegungen oftmals mit hohen (politischen) Kosten verbunden ist. Außerdem zerstört das westliche Geld darüber hinaus oft die Anreize lokaler Tech-Communities, an ihren eigenen, unabhängigen Projekten zu arbeiten.

Grundsätzlich kann man sagen, dass das westliche Denken noch viel zu oft von Paradigmen des Kalten Kriegs bestimmt ist, eine Zeit in der staatliche Zensur das wesentliche Problem war. Das ist es aber nicht mehr, und das ganze Geld in Methoden bzw. Werkzeuge zur Umgehung von Zensur zu stecken, wird uns nicht sonderlich weit bringen. Wir brauchen in der Hinsicht auf jeden Fall ein ganzheitlicheres Bild der Probleme der Digital Activists.

CP: Welche Rolle spielen in der Hinsicht die benutzten Plattformen? Sind sie neutral, oder bringt es nicht auch neue Gefahren mit sich, Daten in die Hände privater Unternehmen zu legen, wo einzelne AktivistInnen keine Sicherheit mehr haben, ob sich ihre Interessen mit jenen der Unternehmen decken?

EM: Sind sie neutral? Nein, ich denke nicht, dass irgendeine Technologie neutral ist. Das ist ein Mythos der Ingenieure, sodass wir nie auf die Idee kommen, die politischen Implikationen von Technologie zu hinterfragen. Die traurige Wahrheit, der wir heute gegenüberstehen, ist die Tatsache, dass Technologie-Unternehmen mächtige Vermittler für Digital Activism wurden – ohne diese Rolle jemals zu wollen.

Heute sind somit tunesische AktivistInnen von YouTube abhängig und russische von LiveJournal. Natürlich bietet das den AktivistInnen viele Möglichkeiten, aber ich bin mir nicht sicher, ob das auch langfristig zu ihrem Vorteil ist, da die Anreize und Interessen grundsätzlich auseinander klaffen. Es gibt für Facebook z.B. keinen Grund, chinesische AktivistInnen vor Übergriffen durch die chinesische Regierung zu schützen, wenn sie zur selben Zeit gerade dabei sind, sich am chinesischen Markt zu positionieren und dort Geschäfte machen wollen.

CP: Zum Abschluss noch eine Frage nach deinen persönlichen Erwartungen hinsichtlich des Beitrags von Social Media zum Überkommen autoritärer Regime.

EM: Meine eigenen Erwartungen reichen von „minimal“ bis „gar nicht vorhanden“. Ich glaube nicht, dass es sich beim Internet um die sprichwörtliche Silver Bullet handelt, die autoritäre Gesellschaften demokratisiert. Ihr autoritärer Charakter reicht viel weiter und hat oft mehr mit Geopolitik, denn der Unfähigkeit lokaler BürgerInnen sich zu organisieren zu tun.

Wenn wir zum Beispiel wirklich Demokratie in Ägypten wollten, dann müssten wir aufhören Hosni Mubarak zu unterstützen – das ganze Gerede von einer Facebook-Revolution ist Nonsens, solange der Westen jener Akteur ist, der ihm das Überleben sichert.






online seit 05.08.2010 22:07:25 (Printausgabe 50)
autorIn und feedback : Interview und Übersetzung: Carlo Ponti


Links zum Artikel:
www.evgenymorozov.com
neteffect.foreignpolicy.com
www.malmoe.org/artikel/funktionieren/2021Schwerpunkt zu Aktivismus im Netz



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