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Die grünen Tore von Lampedusa Ein Interview mit dem italienischen Journalisten Fabrizio Gatti Für sein viel diskutiertes Buch „Bilal – Als Illegaler auf dem Weg nach Europa“ schloss sich der italienische Journalist Fabrizio Gatti afrikanischen MigrantInnen an, um sie von Westafrika durch die Sahara bis an die libysche Grenze zu begleiten, und ließ sich schließlich als Kurde Bilal im Auffanglager auf der italienischen Insel Lampedusa internieren. Natalie Brunner sprach mit ihm über seine Undercover-Recherchen, ökonomische Aspekte der so genannten „illegalen Migration“ und politische Veränderungsperspektiven. Natalie Brunner: In deinem Buch bezeichnest du die Menschen, die du während deiner Reisen in Afrika getroffen hast, als „Helden“. Warum? Fabrizio Gatti: Sie riskieren ihr Leben, um ihren Familien, ihren Kindern, ihrer Community ein besseres Leben zu ermöglichen. Wenn ein Mensch sein Leben für so einen noblen Zweck aufs Spiel setzt, dann ist er ein moderner Held. Außerdem ist es die wichtigste politische Entscheidung, die ein Mensch treffen kann: Umzuziehen um die Lebensbedingungen seiner Familie zu verbessern. Ich nenne sie auch Helden wegen dem, was sie auf der Reise erleben und überleben. Wenn du es schaffst, unter diesen Bedingungen bis zum Ende durchzuhalten, dann bist du ein Held. Wir feiern Sportler, die bei Autorennen die Wüste durchqueren, also sollten wir auch die Menschen feiern, die das tun, um ihrer Community ein besseres Leben zu ermöglichen und unsere Welt gesamt zu einer besseren zu machen, denn sobald sie hier ankommen, werden sie ein Teil von uns. Sie gehören zu uns und unserer Wirtschaft. NB: Dein Buch ist sehr detailliert. Du durchläufst alle Stationen der Reise, die viele afrikanische MigrantInnen nach Europa führt. Wie lange haben deine Recherche und die Vorbereitungen für Bilal gedauert? FG: Die Recherche hat vier Jahre gedauert. Ich beschloss, mir eine Undercover-Identität zuzulegen. Während Teilen meiner Reise behauptete ich, ich sei ein illegalisierter Immigrant. In Afrika tat ich das nicht, weil ich meine Dokumente verwenden musste, um Grenzen zu überqueren und auch aufgrund meiner Hautfarbe. Ich sehe es als meine journalistische Pflicht, jedes minimale Detail der Reise zu beschreiben. Ich war sehr neugierig, etwas über den Moment zu erfahren, in dem eine Person die Entscheidung fällt, sich auf die Reise zu machen. Wenn ein Mensch erkennt, dass der Ort, an dem er geboren und aufgewachsen ist, keine akzeptablen Lebensbedingungen mehr bieten kann; Überleben nicht mehr möglich ist. Ich habe den Menschen, die ich auf meiner Reise getroffen habe, viele Fragen gestellt, um etwas über diesen Moment zu erfahren. Ich stellte fest, dass die erste Reise, der sie sich stellen, eine mentale Reise ist. Und dann müssen sie sich aufraffen und ihre Körper durch die Wüste schleppen und dafür braucht man Geld. Aber der Verstand ist bereits total frei. Es ist eine Dichotomie zwischen dem Willen und dem Körper. Als ich Menschen kennen lernte, die mitten in der Wüste gestrandet waren, hatten sie immer noch ihren Plan, der sie am Leben hielt. Selbst wenn sie ohne Geld den Menschenhändlern vollkommen ausgeliefert waren. Ich habe den Entschluss gefasst, dieses Buch zu schreiben, da ich meine journalistische Karriere als Kriminalreporter für eine Zeitung in Mailand begonnen habe. Ich wurde mit Migration nur konfrontiert, wenn MigrantInnen für ein Verbrechen verhaftet wurden, und das ist eine Verzerrung der Realität. Der Großteil der MigrantInnen hat nichts mit Kriminalität zu tun. Sie bilden eine neue soziale Klasse, die von unserer Wirtschaft ausgebeutet wird. Es ist meine Aufgabe, diese neue Klasse, die wir einfach nur „Clandestinos“ nennen, zu beschreiben. Ich möchte versuchen, ihnen durch meine Arbeit ihre Menschlichkeit zurückzugeben: ihre Namen, ihre Geschichte, ihre Hoffnungen. Deshalb habe ich beschlossen, mich auf die Undercover-Arbeit einzulassen. Ich habe mich für einen journalistischen Stil entschieden, da ich kein Wissenschaftler bin. Das, was wir von Migration kennen, ist nur das Ende der Reise. In der Politik wird Migration wie ein Problem, wie die Quelle von Verbrechen behandelt. Migration wird nicht als ein Prozess, den Menschen durchlaufen, behandelt. Das wollte ich meinen LeserInnen verdeutlichen. Ich will sie bei der Hand und mit in die Wüste nehmen, sodass sie die Realität sehen. NB: Dein Buch zeigt, dass Sklaverei nicht etwas Vergangenes ist, nicht etwas, das ausschließlich noch in der so genannten „Dritten Welt“ passiert, sondern heute noch in Europa existiert, und dass unser Wirtschaftssystem auf diese Sklavenarbeitskräfte angewiesen ist. FG: Ja, das ist richtig. Als ich von meiner Reise zurückkehrte und Teile davon in einer Zeitung publizierte, bekam ich LeserInnenbriefe, die meinten, diese Geschichte gehört ins Mittelalter. Und das stimmt. Wir leben immer noch im Mittelalter, wenn man sich vergegenwärtigt, wie die Sklaverei unser Wirtschaftssystem trägt. Ohne diese Art von Sklaverei würde es zusammenbrechen. 23% der italienischen Wirtschaft gehört zur so genannten „Schattenwirtschaft“; Wirtschaft, die von der Mafia kontrolliert wird, oder Bereiche, in denen keine Steuern bezahlt werden. Es sind Wirtschaftszweige, die illegalisierte ArbeiterInnen brauchen, weil offizielle Arbeitskräfte Rechte haben. Sie können sich über Lohn und Arbeitsbedingungen beschweren. Sie können zur Gewerkschaft gehen. Sie können gerichtlich gegen ihre ArbeitgeberInnen vorgehen, wenn die gegen die Gesetze verstoßen. Aber „illegale Wirtschaftsbereiche“ brauchen „illegale Arbeitskräfte“ und die besten „illegalen Arbeitskräfte“ sind MigrantInnen, da sie rechtlos sind. In Italien wird Migration als gefährlicher als die Mafia eingestuft. Wenn ein Illegalisierter seinen Arbeitgeber klagt, kann er bis zu vier Jahre ins Gefängnis kommen und wird dann deportiert. Der Arbeitgeber bekommt eine Geldstrafe. Das ist Sklaverei. Das ist eine Methode, um Kosten für menschliche Arbeitskraft niedrig zu halten. Ohne Migration würde nichts mehr funktionieren, keine Servicejobs mehr, keine Güter. Das große Problem ist, dass MigrantInnen nicht wie Menschen behandelt werden, sondern wie Zahlen, Statistiken. Diese Perspektive will ich durch meine Arbeit zerstören. Der Motor der „illegalen Migration“ ist nicht nur der ökonomische Unterschied zwischen Afrika und Europa, sondern der Motor ist die „illegale Wirtschaft“, die Arbeitskräfte braucht. NB: Was für Lösungen würdest du dir wünschen? FG: Es ist nicht leicht, sich Lösungen zu wünschen, wenn rassistische Gruppierungen sich als politische Parteien inszenieren können und für fähig gehalten werden, Länder zu regieren. Ich bin mir sicher, dass wir einen sehr gefährlichen Weg eingeschlagen haben. Wir etablieren in Europa Diskriminierung und Apartheid. Es wäre nicht schwierig, mit einer neuen Migrationspolitik zu beginnen. Wir müssten nur die Menschenrechte respektieren. Menschen als Menschen mit den gleichen Rechten behandeln und keinen Unterschied in der Nationalstaatszugehörigkeit machen wäre ein Anfang. Arbeitskräfte müssen gleich bezahlt werden, egal ob EuropäerInnen oder MigrantInnen. Wir müssen die bürokratischen Hindernisse beseitigen. Es bedeutet, dass wir informelle Ökonomien und Korruption bekämpfen müssen. Wir müssen gegen die Infiltration der Mafia in sämtlichen Sphären kämpfen. Wir müssen ein offizielles Wirtschaftssystem etablieren, das Menschenrechte respektiert, aber Europa, und im Speziellen Italien arbeitet in die entgegengesetzte Richtung. NB: Glaubst du, dass Kapitalismus mit der Einhaltung der Menschenrechte aller vereinbar ist? FG: Nein. illegalisierte Immigration ist nur ein Produkt des freien Markts. Wenn Menschen zu unserer Botschaft gehen, um ein Visum zu bekommen, werden sie keines kriegen. Sie müssen im Vorfeld wissen, wo sie wohnen und arbeiten werden. Es ist unmöglich, einen Arbeitgeber in Europa zu finden, der dich anstellt, bevor er dich kennt. Das ist ein logischer Widerspruch, aber das Gesetz ist so. Aber wenn du in Afrika bist und dir FreundInnen und Verwandte in Europa erzählen, sie können dir einen Job vermitteln, dann fragst du nicht nach der Form des Arbeitsverhältnisses. Du siehst eine Chance und machst dich auf den Weg. Ich erinnere mich, als ich mich als Migrant ausgab und auf Orangenplantagen in Süditalien arbeitete, da wurden wir von den Aufsehern geschlagen. Es sind sogar Leute ermordet worden. Im Nachhinein behaupteten die Interessenvertreter der Landwirtschaft, dass diese Zustände eine Konsequenz der Globalisierung sind. Aber das ist nur eine Entschuldigung. Sie meinen, ohne diese Zustände müssten wir Obst aus China kaufen, das viel billiger ist. Der Wirtschaftsminister behauptete tatsächlich, dass das Problem Italiens nicht die Mafia wäre, sondern die „illegale Migration“. Migration wird als Entschuldigung für alles verwendet. Wir haben unsere Idee von Europa begraben. Wir sind keine demokratischen Gesellschaften mehr. Es ist nur eine Fassade. Als sie mich in das Lager auf Lampedusa gesperrt haben, erkannte ich, dass die grünen Tore von Lampedusa die Grenze zwischen der Idee und der Realität von Europa sind. Wir arbeiten an einer schrecklichen Zukunft. Wir arbeiten nicht in Richtung Integration sondern in Richtung Diskriminierung und dafür werden wir bezahlen. Literatur Fabrizio Gatti (2010): Bilal – Als Illegaler auf dem Weg nach Europa, Kunstmann Verlag online seit 17.05.2010 09:57:07 (Printausgabe 50) autorIn und feedback : Interview: Natalie Brunner |
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