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  O.K., Jidden, rock it!

Klezmermusik, Geschichtspolitik und die Besetzung einer Aula

Es ist der Abend des 10. Oktober 2009. In der seit drei Wochen besetzten Aula der Akademie der Bildenden Künste Wien wird zu den Klängen des Michael Winograd Quintets gefeiert und getanzt. Das Ensemble setzt sich aus MusikerInnen aus New York und Wien zusammen. Es interpretiert traditionelle jiddische Lieder neu und rezipiert dabei im Speziellen Stücke des Krakauer Liedermachers Mordechai Gebirtig. Klezmermusik und Rock´n´Roll als Einheit. Einer der Grundsteine für das Kooperationsprojekt, das am 8. November seine Österreich-Tour beim KlezMORE Festival Vienna startete, wurde vor 2,5 Jahren im Zweiten Wiener Gemeindebezirk gelegt. Benjy Fox-Rosen war damals mit seiner Band „Luminescent Orchestrij“ in Wien und traf dort auf den Wiener Schlagzeuger Dieter Behr. Benjys Großvater Dave Fox wurde 1920 in der Heinzelmanngasse geboren.

Was ist eine echte Wienerin?

Dave Fox musste 1938, im Alter von 18 Jahren, vor den Nazis in die USA flüchten. Dieses Geschehene kann nicht ungeschehen gemacht werden. Während dieses Konzerts nicht und auch nicht, als all die tanzenden Menschen die besetzte Aula in eine vibrierende Tanzfläche verwandeln. Dieses Wien hat es verbrochen und später verdrängt – dass Dave Fox und, allein in Wien, hunderttausende andere mit dem Leben bedroht wurden, fliehen mussten, in Konzentrationslagern umgebracht wurden. Dave Fox widmete sich Zeit seines Lebens der Malerei und ist noch heute, im Alter von beinahe 90 Jahren, als Maler aktiv. Nun, nach mehreren gemeinsamen Musiktourneen durch Österreich, verwirklichten die MusikerInnen einen lange gehegten Plan: Dave Fox nach Wien einzuladen und auf der Mazzesinsel, dem Ort seiner Kindheit und Jugend, seine künstlerische Arbeit vorzustellen, welche er über Jahrzehnte in den USA entfalten konnte. Er sollte als Maler wahrgenommen werden, ohne eine Projektion des „echten Wieners“ darüber zu stülpen. Am 3. November fand im Aktionsradius Augarten die Vernissage der Ausstellung „From Augarten to LA“ statt. In einem Fernsehinterview sagte Dave Fox unter anderem, er wolle nie wieder in Wien leben. Genau diese Passage wurde nicht gesendet – wohl ein zu starker Hinweis auf die Verbrechen, die nicht gut zu machen sind.

Verdrängungsleistungen verweigern

Die Beteiligten des Michael Winograd Quintets teilen die Überzeugung, dass es gerade in Wien wichtig ist, Kulturproduktion in einen erinnerungspolitischen Kontext zu stellen. Schlagzeuger Dieter Behr meint dazu: „Es wäre ein Fehler, unsere Arbeit und Zusammenarbeit als „Aufarbeitungsprojekt“ zu sehen, als Wiedergutmachung, die es nicht geben kann. Uns ist wichtig, in Wien wieder etwas zu platzieren, von dem der Faschismus versucht hat, es auszulöschen. Wir wollen einen Teil jiddischer Musik und Kultur in dieser Stadt wieder in Erscheinung bringen. Und eben nicht einen weiteren Beitrag zur Verdrängung leisten.“ Ein Beispiel einer solchen Verdrängung sieht Dieter Behr darin, Klezmermusik in den Weltmusik-Strudel zu mischen: „In der Rezeption wird Balkanbrass, russische, jiddische Musik und Klezmermusik als dasselbe wahrgenommen und gemeinsam als Alternativkultur vermarktet. Diesem Missverständnis vorzubeugen, ist wichtig. Das so genannte Wiener Lied wird als etwas Authentisches, „von hier Stammendes“ betrachtet, wohingegen Klezmer Musik als Alternativkultur gilt, die neu zu entdecken sei. Die Verrücktheit dabei ist, dass nicht mehr erkannt werden kann, dass Klezmer eine Musik ist, die über lange Zeit aus den Provinzen der Monarchie nach Wien gebracht wurde, sich hier neu entwickeln konnte. Es handelt sich also auch und gerade um Musik aus Wien, die in großen Teilen durch den Faschismus vernichtet wurde.“ Eine weitere geschichtspolitische Falle, so Behr weiter, bestünde darin, die Musik zu fetischisieren, indem der Verlust jüdischen Lebens und jüdischer Kultur vor allem als Image- und Standortfrage behandelt wird, nach dem Motto „Wien hat kulturell gelitten“. In dieser Argumentation würden vor allem diejenigen übersehen, die als Personen vernichtet wurden, im Blick bleibt einzig der kulturelle Mehrwert. Zum interventionistischen Anspruch des Projekts gehört also, klar zu überlegen, wo Klezmermusik politisch platziert werden kann.

Geschichtspolitische Interventionen

Festivals wie das Wiener KlezMORE sind ein Ort für diese Platzierung. Die Frage ist, ob sie der einzige Ort dafür sind. Gerade der Auftritt in der besetzten Aula der Akademie war diesbezüglich wichtig. Die Aula beherbergt nach wie vor eine Jünglings-Skulptur des Bildhauers Josef Müllner, mit der Aufschrift „1914-1918“. Müllner ist jener Künstler, der auch mit der Gestaltung des umkämpften Siegfriedskopfes an der Universität Wien beauftragt wurde. Er gestaltete eine Hitlerbüste, die in der Aula der Akademie der Bildenden Künste aufgestellt war und ging in die Kunstgeschichte des NS-Regimes ein. Dass diese Geschichte an der Akademie nie öffentlich problematisiert wurde, ist der Grund für die Interventionen der „Plattform Geschichtspolitik“, die an der Herstellung eines geschichtspolitischen Kontexts an der Akademie arbeitet und diesen zu Beginn des Konzerts auch thematisiert. Als die Band den „Arbetlose Marsch“ von Mordechai Gebirtig anstimmt und ins Publikum fragt, ob denn hier jemand prekär beschäftigt oder arbeitslos sei, fängt der Saal an zu kochen. Die Besetzung entfaltet sich in diesem Moment in ihrer gesamten gesellschaftlichen Relevanz – eben nicht nur auf einer rein universitätspolitischen Ebene, sondern gerade auch auf einer historisch-politischen. Während wir tanzen, können wir das Geschehene nicht ungeschehen machen. Was wir können, ist wachsam sein für die Zukunft. Persönliche, politische und musikalische Verbindungen knüpfen, die sich Antisemitismus und Rassismus entgegenstellen.


Kati Morawek (In Zusammenarbeit mit Dieter A. Behr)




online seit 28.12.2009 10:47:58 (Printausgabe 48)
autorIn und feedback : tanzen




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