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  The beat goes on and on and on …

Zur Kompilation The Men in the Glass Booth und dem Jubiläum der 12"-Maxi-Single

Trotz omnipotenter digitaler DJ-Tools hält sich die 12"-Maxi-Single nach wie vor wacker am Markt. Speziell in den Genres House und Techno gilt: Wer etwas zählen will, braucht einen Release auf Vinyl. Das britische Label BBE Records feiert das geschichtsträchtige Format nun mit einer beeindruckenden Sammlung originaler DJ-Remixes aus der Frühzeit des Plattenauflegens. Anlass für diese Zusammenstellung war die sich 2016 zum 40. Mal jährende Veröffentlichung der ersten kommerziell erhältlichen Maxi-Single.

„It was as if the writers and producers were nothing“.( 1)

Als im Mai 1976 die 12"-Single Ten Percent (Salsoul Records) von ­Double Exposure in die Läden kam, reagierte der Komponist des Songs ob der dreisten Eingriffe des Remixers ziemlich verdrossen und fühlte sich in seiner Profession als Produzent und Songwriter herabgesetzt. Der vom Label engagierte Walter Gibbons, einer der innovativsten DJs der New Yorker Szene, hatte Zugang zu den Originalspuren bekommen und die flotte Philly-Soul-Nummer auf die monumentale Länge von fast zehn Minuten ausgedehnt. Doch die Labelmacher von Salsoul Records, die das New Yorker Nachtleben zu dieser Zeit aufmerksam verfolgten, vertrauten dem im Umgang mit Tonbändern geübten Gibbons und der Erfolg gab ihnen recht. DJs und Tänzer_innen reagierten begeistert und Ten Percent wurde ein Riesenhit. In der Maxiversion wohlgemerkt.

Der talentierte Gibbons gilt jedoch weder als Erfinder des Remixes noch war Ten Percent tatsächlich die erste sich auf voller LP-Länge ausbreitende Dance-Nummer. Wann der erste Remix entstand, wird wohl schwer auszumachen sein, denn in den frühen 1970ern standen in vielen New Yorker Clubs Tonbandmaschinen, die es den DJs ermöglichten eigene Versionen zu spielen. Die „einfachste“ Art und Weise war natürlich die Methode, zwei identische Platten ineinander zu mixen. Wobei „einfach“ tatsächlich unter Anführungszeichen zu setzen ist: Professionelle DJ-Mixer waren eigentlich noch nicht erfunden und die meisten Plattenspieler liefen über Riemenantrieb. Heutige DJs würden an diesem Set-up wohl verzweifeln.

Die Entdeckung der 12"

Seit den frühen 1970ern arbeitete eine Handvoll Leute an der ersten Generation von Dance-Mixes. Das waren noch vorsichtige und behutsame Eingriffe, limitiert durch die maximal mögliche Länge von etwa fünf Minuten, da diese meist auf die B-Seite der 7"Single gepresst wurde. Zu den wichtigsten Remixern dieser Zeit gehörte Tom Moulton, der als eigentlicher Erfinder der 12“ gilt. Erfindung ist hier allerdings wohl das falsche Wort, denn die Maxisingle verdankt ihre Existenz eigentlich einer zufälligen Entdeckung.

Moulton war im Gegensatz zu den meisten anderen Remixern dieser Zeit kein DJ, verfügte aber über hervorragende Kontakte zur Industrie. Schon in seiner Jugend in den 1950ern arbeitete er in einem Plattenladen und erlebte den Aufstieg von Rock ’n’ Roll und Soul mit. Eine Zeit lang verdiente er sein Geld damit, Juke Boxes mit neuen Singles zu bestücken und machte schließlich Promotion für das Label King, das u. a. James Brown unter Vertrag hatte. Doch die Leidenschaft für Musik vergällte Moulton bald die Lust am oft zynischen Geschäft und er begann, als Model zu jobben. Dadurch kam er Anfang der 1970er in Kontakt mit der Gay Community und ihren rauschenden Sommerfesten auf der Long Island vorgelagerten Fire Island. Er stellte für die Partycrowd gefinkelte Mixtapes zusammen (ohne jemals live vor Ort aufzulegen) und nutzte seine alten Kontakte, um an Originalaufnahmen mit isolierten Instrumentalspuren heranzukommen. Bald war Moulton ein gefragter Remixer, dessen Discoversionen von Funk&Soul-Nummern vorerst aber im alten Singleformat auf 7" erschienen.

So kam es, dass er einmal nach getaner Arbeit im Studio eine Testpressung anfertigen wollte, jedoch waren die dafür vorgesehenen 7"-Rohlinge ausgegangen. Übrig waren nur seltener benutzten 10"-Rohlinge. Angeblich aus rein ästhetischen Gründen bat Moulton den anwesenden Techniker, die Spurweite der Rillen auszudehnen, damit die Nummer sich über die ganze Platte verteilen konnte. Der Techniker schlug vor, zum Ausgleich den Aufnahmepegel zu erhöhen.

Das Ergebnis verblüffte die beiden: nie zuvor auf Platte gehörter brillanter Klang und das noch dazu in massiver Lautstärke. Sie begriffen sofort das Prinzip, begannen mit einer 12" zu experimentieren und kamen in kurzer Zeit zu noch beeindruckenderen Ergebnissen. Die insbesondere im unteren Frequenzbereich extrem druckvolle Maxi-12" begeisterte jene DJs, die ab 1975 von einigen Labels mit diesem neuen Format exklusiv beliefert wurden – das ultimative DJ-Tool war geboren.

It’s A Better Than Good Time!

Die nun vorliegende Compilation The Men in the Glass Booth (BBE Records) wurde vom Glasgower DJ Al Kent in mühseliger jahrelanger Arbeit zusammengestellt. Der Markt wird zwar seit Jahren mit alten und neuen Disco-Edits überschwemmt, aber hier überzeugt einfach die pure Qualität des Materials. Einerseits finden sich tatsächliche Raritäten, die bisher nur als Testpressung oder schlechte Raubkopie kursierten. Andererseits erstrahlen manche schon oft aufgelegte Stücke wie It’s A Better Than Good Time (Walter Gibbons Remix) im neuen Glanz. Passend zum Anlass besticht vor allem die Vinyl-Version. Die 30 Stücke (mit einer Spielzeit von etwa 3 ½ Stunden) sind auf zwei Boxen mit jeweils fünf Maxis verteilt. Da sich auf jeder Seite höchstens zwei Nummern befinden, wird das klangliche Potenzial voll ausgeschöpft und der Sound ist wirklich fantastisch. Im wunderschönen Booklet sind außerdem viele Hintergrundgeschichten nachzulesen. Selbstverständlich gibt es aber auch eine CD-Version (verteilt auf 3 CDs).

Ein paar Worte noch zum Titel: Ja, das war ein ziemlicher Männerverein, die DJ-Clique im New York der 1970er. Der schon in der letzten MALMOE-Ausgabe gewürdigte Tim Lawrence hat aber schön herausgearbeitet, dass sich damals auch Frauen wie Bert Lockett oder später Anita Sarko hinter dem DJ Pult hervortaten. Es wäre endlich an der Zeit, sich auch auf deren Spuren zu begeben.


The Men in the Glass Booth. (Ground Breaking Re-Edits And Remixes By The Disco Era’s Most Influential DJs). BBE Records 2017. 2 × 5 × 12" Box / 3 CD. Vertrieb: Hoanzl

(1) Songwriter Allan Felder zitiert nach Tim Lawrence: Love Saves The Day, Duke University Press 2004. S. 218


online seit 31.05.2017 15:59:19 (Printausgabe 78)
autorIn und feedback : Christian König




Do the Mutant Dance

Tim Lawrence erweitert sein monumentales Projekt einer Chronik der US-amerikanischen Danceculture um ein weiteres Buch: „Life and Death on the New York Dance Floor, 1980 – 1983“.
[08.03.2017,Christian König]


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