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„Die Romantisierung von Hipness frustriert mich“ Ein Interview mit Cultural Studies-Forscherin Angela McRobbie über Fallstricke der Kreativarbeit Frau McRobbie, wenn wir über den Wandel von Arbeit reden, ist viel von der „kreativen Klasse“ die Rede. Wie würden sie diese beschreiben? Ich würde nicht von einer „kreativen Klasse“ sprechen. Das ist auch mehr ein Markenzeichen von Richard Florida als ein soziologischer Begriff. Es gibt aber einen Wandel hin zu einem neuen Kapitalismus, in dem „kreative“ Fähigkeiten wichtiger werden. Dies ist keine magische Transformation, sondern politisch gewollt. Zum einen verlangte die Ausweitung des Konsumsektors von den ArbeitnehmerInnen Fähigkeiten, die eher DesignerInnen als FabrikarbeiterInnen entsprechen. Zum anderen entwickelte sich staatsgelenkt eine neue Form von Gouvernementalität. Hierbei findet eine Ausweitung der Mittelklasse statt, die aber weniger längerfristig im öffentlichen Sektor beschäftigt ist, sondern eine unternehmerische Arbeitsdisziplin verinnerlicht hat. Diese Form von Gouvernementalität funktioniert über kreative Arbeit, die als begehrenswert präsentiert wird, weil sie eben kein „normaler“ Bürojob ist. Ironischerweise sind viele Kreative weiterhin auf diese Jobs angewiesen, arbeiten aber mittlerweile z.B. im Bildungssektor zu wesentlich schlechteren Bedingungen. Sie unterrichten am Goldsmiths College in London angehende TextildesignerInnen. Welche Formen des Widerstands bilden sich bei ihren Studierenden gegen die Rolle als KreativunternehmerIn aus? Das einfachste Modell ist es natürlich, sich als KünstlerIn zu betrachten, die mit dem Business nichts zu tun haben wollen. Die Kreativen mögen sich nicht als UnternehmerInnen begreifen, aber sie betonen in Interviews gerne, wie gut sie mit KundInnen umgehen können oder sie fangen an, ihre eigene Arbeit anzupreisen, indem sie ihren Lebenslauf oder ihr Portfolio mitbringen, wenn ich sie interviewe. Aber es wollen doch nicht alle Kreativen diese Form des Selbstmarketing betreiben, oder? Es kommt ein wenig drauf an, in welchem Feld man arbeitet. Wenn man schreibt oder als JournalistIn tätig ist, geht das vielleicht. In den visuellen Medien oder als ModedesignerIn führt an diesem aggressiven Selbstmarketing aber eigentlich kein Weg vorbei. Es ist ein weiterer Aspekt der Macht und Gewalt einer neoliberalen Kultur, die man überall findet, auch im akademischen Bereich. Sie haben viel über Subkulturen geforscht. Denken Sie, dass es eine Verbindung zwischen Subkulturen und Formen kultureller Arbeit gibt? Beide fordern ein hohes persönliches Engagement gegen geringe Entlohnung. Ich habe mich immer für die materiellen Bedingungen kultureller Produktion interessiert, während Subkulturtheorie eher Fragen von Widerstand in den Vordergrund gestellt oder konstruktivistisch nach Bedeutung gefragt hat. Während der Massenarbeitslosigkeit der Thatcherjahre erschien mir die Romantisierung von Punk aber sinnlos. Mich hat eher interessiert, wer unter welchen Bedingungen diese Musik produziert hat. Das war der Ausgangspunkt für die Forschung über Design und Mode. Aber ich möchte mich weg von Fragen von Kultur und Kreativität hin zu solchen nach Wohlfahrtsregimen und sozialen Themen orientieren. Die Romantisierung von Hipness frustriert mich. Welche Änderungen im Wohlfahrtsregime wären notwendig, um diese Formen von Beschäftigung einzubeziehen? Wäre ein bedingungsloses Grundeinkommens eine Alternative? Ich weiß nicht, ob ich der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens zustimmen würde. Nicht weil ich denke, dass die Menschen einen Anschub brauchen, sondern weil darin eine paternalistische Vorstellung von Wohlfahrt versteckt ist. Wir sollten aber zuerst danach fragen, unter welchen Bedingungen Menschen ein Auskommen finden und wie wir darauf reagieren können - im Bezug auf Prekarität muss man eine gewisse Vorstellungskraft beweisen. Ich persönlich finde die Idee eines SozialunternehmerInnentums interessant, wo selbstgeschaffene Arbeitsplätze eine Form von ‚Community Work‘ darstellen, egal ob es sich dabei um die Arbeit mit Sträflingen oder Kids handelt. Sehen Sie eine Form von Selbstorganisation bei den Kreativen, die nicht auf einen persönlichen Wettbewerbsvorteil abzielt? Es gibt eine Reihe von Internetforen, in denen sich FreelancerInnen über Honorare und AuftraggeberInnen austauschen können, besonders im Fernsehbereich, der aber eh schon immer stark gewerkschaftlich organisiert war. Hier scheint es noch ein Bewusstsein für das Recht auf Organisation zu geben. Generell bin ich aber pessimistisch - wie soll man sich auch engagieren, wenn man eh schon vier verschiedene Jobs jongliert? Vielleicht muss man deshalb eher nach informellen Formen von Unterstützung suchen, z.B. wenn sich Leute einfach untereinander helfen. Sind die Gewerkschaften mit den Arbeitsverhältnissen der Kreativen überfordert? In England waren die Kreativen lange mit einer Haltung konfrontiert, bei der alte Gewerkschaftsmänner sagten: „Selbst schuld, wenn sie sich ausbeuten lassen wollen.“ Letztendlich ist dadurch die gewerkschaftliche Organisation zurückgegangen, selbst dort, wo es früher starke Gewerkschaften gab, z.B. im Einzelhandel. Die Gewerkschaften haben eben nicht auf eine veränderte Zusammensetzung des Arbeitsmarkts reagiert. Sie arbeiten im Bildungssektor, der in den letzten Jahren stark umstrukturiert wurde, u.a. durch die Einführung von Evaluationen wie dem „Research Excellence Framework“ (REF). Glauben Sie, dass Sie unter ähnlichen Bedingungen in den 1970ern ihre ersten Forschungen hätten durchführen können? Durch das REF findet die Forschung wieder stärker in den einzelnen Fächern statt, aber wir haben ja jetzt ein eigenes Fach - die Cultural Studies. Fast alle unsere Paradigmen sind außerdem mittlerweile Teil der englischen oder amerikanischen Literaturwissenschaft. Mich persönlich hat die Begeisterung für meine Forschungsgegenstände immer stärker motiviert als die Theorie. Das sage ich auch zu meinen DoktorandInnen: „Wenn euch der Forschungsgegenstand interessiert, dann solltet ihr auch darüber schreiben.“ online seit 10.05.2010 12:09:38 (Printausgabe 49) autorIn und feedback : Interview: Christian Werthschulte |
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„Hörmann-Gate“ Antisemitische Wirtschafts-Kritik in der Offensive [29.12.2011,Markus Schallhas] Angst um das Geld Was die Inflationssorgen alles überschatten [17.12.2011,Pinguin] Mindestsicherung AMS und MA 40 vereint gegen Arme [13.12.2011,Martin Mair (AKTIVE ARBEITLOSE)] die vorigen 3 Einträge ... die nächsten 3 Einträge ... |
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