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  Weniger Arbeitszeit, mehr Bildung und Soziales

Zu den Auswirkungen der aktuellen Wirtschaftskrise auf den österreichischen Arbeitsmarkt




Mit Kurzarbeit und Jugendbeschäftigung wurde ein noch stärkerer Anstieg der Arbeitslosigkeit verhindert. Für eine Verringerung der Zahl der 100.000 Krisenarbeitslosen wäre noch innovativere Politik gefragt.

Krise am Arbeitsmarkt

Die Devise der Wirtschaftspolitik in Österreich und der Europäischen Union scheint heute zu lauten „Alles paletti!“: Banken gerettet, Konjunktur stabilisiert, Krise überwunden. Jetzt geht es wieder aufwärts und wir kümmern uns um die Budgetkonsolidierung.

Doch die wirtschaftliche Realität schaut etwas anders aus: Zwar wurde der tiefe Einbruch in der Produktion von Gütern und Dienstleistungen und in der Beschäftigung gestoppt, doch die Krise ist nicht überwunden. Das Risiko eines neuerlichen Konjunktureinbruchs ist nach wie vor hoch, sei es infolge neuerlicher Bankenzusammenbrüche oder als Folge der simultanen Budgetkonsolidierung in allen EU-Ländern. Zudem sind die sozialen Konsequenzen des bisherigen Verlaufs der Krise schwerwiegend, vor allem auf dem Arbeitsmarkt.

Die Wirtschaftskrise traf die heimische Beschäftigungsentwicklung in besonderem Ausmaß in zwei Bereichen: Zum einen ist die Zahl der Jobs in der exportabhängigen Industrie eingebrochen, trotz des Einsatzes der Kurzarbeit. Mehr als 70.000 Arbeitsplätze sind direkt in der Industrie verloren gegangen, dazu kommen jene tausende LeiharbeiterInnen, die als erste hinausgeschmissen wurden. Bei den verlorenen Jobs handelte es sich meist um Vollzeitarbeitsplätze, sie waren von Männern mit Gewerkschaftsmitgliedschaft besetzt.

Zum anderen haben in der Krise die Unternehmen weniger neue Beschäftigte aufgenommen. Deshalb stieg die Jugendarbeitslosigkeit. Gegenüber dem Tiefpunkt vom Sommer 2008 ist die Zahl der Jugendlichen in Arbeitslosigkeit um mehr als 20.000 gestiegen. Insgesamt erhöht sich durch die Finanz- und Wirtschaftskrise die Zahl der Arbeitslosen in Österreich um etwa 100.000.

Staatliche Reaktionen

Dabei kann man der heimischen Politik nicht vorwerfen, dass sie nichts gegen die Jobverluste gemacht hätte. Zunächst wurden mehrere Milliarden Euro in Konjunkturprogramme gesteckt, um die Nachfrage der privaten Haushalte und der Unternehmen zu stützen und damit den Verlust an Arbeitsplätzen zu dämpfen. Manche Maßnahmen, wie die Prämie für die thermische Sanierung von Gebäuden, waren dabei erfolgreicher als andere, wie die Einkommensteuersenkung, die primär zu höheren Ersparnissen geführt hat. Vor allem in der Industrie wurde auf staatlich subventionierte Kurzarbeit gesetzt, um drohende Jobverluste als Folge der umfangreichen Produktionsausfälle zu verhindern. Damit wurden etwa zehntausend Jobs gerettet, dennoch sind sieben Mal so viele Industriearbeitsplätze verlorengegangen. In diesem Bereich war Deutschland viel erfolgreicher: Statt wie in Österreich ein Zehntel der Industriebeschäftigten war dort mehr als ein Viertel in Kurzarbeit, die Arbeitsplatzverluste in der Industrie betrugen nicht 11%, sondern nur 4%.

Recht wirksam sind auch die mehreren hundert Millionen Euro, die in die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit gesteckt wurden. Die Beschäftigungs- und Ausbildungsgarantie für Jugendliche hat in der Altersgruppe unter 20 Jahren dazu geführt, dass die Zahl der registrierten Arbeitslosen gegenüber dem Niveau vor der Krise nur um 2.000 auf etwa 10.000 Personen gestiegen ist. Ein wichtiger und auch im internationalen Vergleich beeindruckender Erfolg. Doch auf die Altersgruppe der 20-24-Jährigen hat man weitgehend vergessen. Hier ist die Arbeitslosigkeit besonders stark gestiegen, zuletzt waren fast 40.000 Jugendliche als arbeitslos registriert. Sofern nicht rasch ein Abbau gelingt, droht in dieser Altersgruppe eine „verlorene Generation“ mit gefährlichen sozialen und politischen Folgen. Generell wurden die Schulungsmaßnahmen massiv ausgeweitet, während im Jahr 2008 durchschnittlich 50.000 Arbeitslose in Kursmaßnahmen waren, dürften es heuer gut 80.000 sein. Zwar wurde auch das Budget für Schulungsmaßnahmen markant erhöht, doch angesichts der Rekordarbeitslosigkeit hält ein Trend zu billigeren Maßnahmen an. Sie stellen oft nicht mehr als eine Beschäftigungstherapie dar und haben erhebliches Frustrationspotenzial.

Mögliche Alternativen

Die zahlreichen wirtschaftspolitischen Maßnahmen reichten gerade für eine Stabilisierung der Arbeitslosigkeit, doch nicht für ihren Abbau. Geschieht nicht noch mehr, so droht sich die Arbeitslosenquote bei einem Niveau von knapp 8% der unselbständigen Erwerbspersonen laut traditioneller österreichischer Statistik einzupendeln (5,5 % der Erwerbspersonen laut EU-Definition). Arbeitslosigkeit, die sich einmal verfestigt hat, wird man dann später nicht mehr los. Die Folgen wären verheerend: 350.000 Menschen mit schlechter sozialer Absicherung und bei längerem Andauern der Arbeitslosigkeit mit hohem Risiko der Armutsgefährdung; Ausfall an Konsumnachfrage und damit weitere dämpfende Effekte auf den Arbeitsmarkt; Verluste beim Aufkommen an Steuern und damit Gefährdung der Finanzierbarkeit des Wohlfahrtsstaates; Schwächung der Verhandlungsmacht der Gewerkschaften und damit niedrigere Lohnerhöhungen für alle.

Was könnte eine offensive Wirtschaftspolitik tun, um die Arbeitslosigkeit möglichst rasch wieder zurückzuführen? Erstens, Arbeitszeitverkürzung in großem Stil. Die matten Konjunkturaussichten lassen erwarten, dass die Beschäftigung in den nächsten Jahren nicht ausreichend steigen wird, um die Arbeitslosigkeit zu verringern. Eine Reduktion der durchschnittlich geleisteten Arbeitszeit schafft Beschäftigung. Auf Basis einer Untersuchung des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO) kann als Faustregel formuliert werden, dass die Verkürzung der Arbeitszeit um durchschnittlich 10% etwa 130.000 Jobs schafft und die Zahl der Arbeitslosen um 80.000 verringert. Den wichtigsten Ansatzbereich bilden die Vollzeitarbeitsplätze in Industrie und Bauwirtschaft. Dort ist der Wunsch der Beschäftigten nach „kurzer Vollzeit“ hoch und die Gewerkschaften sind auch noch stark genug, um die Arbeitszeit bei akzeptablen Bedingungen zu reduzieren. Im Übergang könnte Arbeitszeitverkürzung auch staatlich etwas subventioniert werden. Eine sinnvolle Option stellt auch die Ausweitung der Bildungskarenz dar. Hier wurde jüngst eine Verbesserung der sozialen Absicherung erreicht und eine befristete Auszeit für Weiterbildung kann größere persönliche Freiräume eröffnen. Generell ist eine Reduktion der geleisteten Arbeitszeit eine der wichtigsten Möglichkeiten, den Wohlstand stärker zu genießen, als ihn nur zu erarbeiten.

Zweitens besteht großes Potenzial in der Ausweitung der Beschäftigung in sozialen Dienstleistungen. Allein in den Bereichen Kinderbetreuung, Ganztagsschulen und Pflege ist der Bedarf an Dienstleistungen so hoch, dass in den nächsten Jahren 150.000 Arbeitsplätze entstehen könnten. Allerdings müsste zur Hebung dieses Beschäftigungspotenzials auch die Bereitschaft der BürgerInnen vorhanden sein, die bessere soziale Versorgung über höhere Steuern zu finanzieren.

Drittens brauchen wir vordringlich ein Jugendbeschäftigungs- und -ausbildungsprogramm, das auf die Altersgruppe der 20 bis 24-Jährigen konzentriert ist. Wenn derzeit keine Jobs verfügbar sind, dann muss die Zahl der Ausbildungsplätze in Höheren Schulen, Fachhochschulen und Universitäten ausgeweitet werden. Das ist relativ billig und könnte bei entsprechender Initiative auch rasch umgesetzt werden.

Die hohe Arbeitslosigkeit mit ihren schwerwiegenden sozialen und wirtschaftlichen Folgen bildet das schwerste Erbe der Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Politik hat zunächst beherzt auf den Konjunktur- und Beschäftigungseinbruch reagiert, doch jetzt fehlt ihr der Mut für weitere offensive Maßnahmen. Es wäre jedoch gesellschaftlich äußerst gefährlich, die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit auf dem Altar der Budgetkonsolidierung zu opfern.





online seit 07.05.2010 13:38:59 (Printausgabe 50)
autorIn und feedback : Markus Marterbauer




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