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  Die Kinder vom AMS

Ein Bericht zum Arbeitsmarktservice Jugendliche in Wien




Die Jugendarbeitslosigkeit steigt, Lehrstellen sind kaum zu haben. Am Arbeitsmarktservice Jugendliche in Wien stehen die Jugendlichen an, um doch noch auf den abfahrenden Zug aufzuspringen.

Ich treffe M. vor dem Fußballkäfig des Olof Palme Hof im zehnten Wiener Gemeindebezirk, zwei Mannschaften spielen gerade. Auf einer Bierbank in der Sonne sitzend und das Spielgeschehen konzentriert verfolgend weist M. mich mit einer sparsamen Kopfbewegung auf Spieler am Feld hin: „Das sind alles AMS-Kinder“. Selbst habe er das schon hinter sich, er sei jetzt einer der glücklichen mit einer Lehrstelle – als Installateur. Eigentlich wollte er Mechaniker werden. Nach 187 Bewerbungen in Wien, Niederösterreich und der Steiermark, zwei Berufsorientierungskursen des AMS und eineinhalb Jahre Lehrstellensuche hatte er seinen Wunschberuf aufgegeben. Sein Vater organisierte dann über einen Freund eine Lehrstelle für ihn. M. betont: „Jetzt verdiene ich mein eigenes Geld, bin unabhängig“ und zieht in stolzer Pose sein neues Touchscreen-Handy aus der Tasche (1).

Schauplatzwechsel. 7:55 Uhr morgens, Gumpendorfer Gürtel 2a, sechster Wiener Gemeindebezirk. Kalt ist es an diesem Frühlingsmorgen. Etwa zwei dutzend Jugendliche warten vor der Tür des nagelneuen achtstöckigen Gebäudes. Sie haben einen Beratungstermin und harren aus, bis das Arbeitsmarktservice für Jugendliche um 8:00 Uhr seine Pforten öffnet. Die allgemeine Begeisterung hält sich in Grenzen. Von „Das ist einfach nutzlos“ bis „Die werden mir schon weiterhelfen“ beurteilen die Jugendlichen ihren bevorstehenden AMS-Termin nüchtern. Eine Mitarbeiter*in sperrt die Tür auf, die Jugendlichen treten ein, blicken auf ihre Terminkarte und stapfen in die jeweilige Zone, in der sie ihren Termin wahrnehmen sollen. Jetzt sind sie für ein kurze Zeit wieder „AMS-Kund*innen“.

Das AMS Jugendliche

Rund 15.000 solcher „Kund*innen“ aus ganz Wien im Alter zwischen 15 und 21 Jahren betreute das AMS Jugendliche im Jahr 2009. 58% Männer, 42% Frauen, rund zwei Drittel haben „Migrationshintergrund“ (im Vergleich zu einem Drittel in den entsprechenden Altersgruppen in der Wiener Gesamtbevölkerung). 4.032 (37%) Jugendliche waren 2009 am AMS Jugendliche arbeitslos gemeldet, 5.479 (50%) in Schulungen, 1.412 (13%) lehrstellensuchend (2). Die Jugendarbeitslosigkeit bei den 15–21jährigen in Wien lag 2009 bei 10,4% (+11,7% zum Vorjahr). Für die 15-24jährigen in Österreich betrug die Arbeitslosigkeit 2009 10% (+25% zum Vorjahr) im EU-Durchschnitt 19,7% (+ 27,3% zum Vorjahr) (3). Besonders prekär ist die Situation am Lehrstellenmarkt. Auf jede sofort verfügbare Lehrstelle warteten 2009 in Wien 4,2 Lehrstellensuchende. Das AMS Jugendliche vermittelt de facto alle Lehrstellen, die in Wien über das AMS angeboten werden. Fehlende Lehrstellen werden zum Teil durch angekaufte Schulungsmaßnahmen, in Lehrgängen im Rahmen des Jugendausbildungssicherungsgesetzes (JAusSG), durch überbetriebliche Lehrausbildungen und finanzielle Anreize an Betriebe zu kompensieren versucht.

Ein*e Betreuer*in – 500 Jugendliche

Das Betreuungsverhältnis am AMS Jugendliche ist besser als an anderen AMS-Stellen: Auf eine*n Betreuer*in fallen rund 500 Jugendliche. Statt acht Minuten, wie bei den Erwachsenen, bleiben zehn Minuten pro Beratung, manchmal sogar länger. Mit der Kürzung des Arbeitslosengeldes wird seltener gedroht, schon allein deswegen, weil viele Jugendliche noch keinen bis kaum einen Anspruch auf Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung vorweisen können. Bis zum 18. Lebensjahr vermitteln die Berater*innen Berufsorientierungs- und Bewerbungskurse, Lehrausbildungen oder andere Ausbildungen, später geht es um Jobs, für jene ohne abgeschlossene Ausbildung meist um Hilfsarbeiter*innenjobs.

Wie Lehrstellenanbieter*innen und AMS betonen, fehlen den Jugendlichen oft grundlegende Bildungsabschlüsse und Qualifikationen. Jeder siebte Jugendliche (2008: 144.710) in Österreich betritt nach der Schule den Arbeitsmarkt ohne einen positiven Pflichtschulabschluss – 56% von ihnen landen beim AMS. Oft fehlen Basiskompetenzen wie ausreichende Deutschkenntnisse (auch bei vielen Jugendlichen ohne „Migrationshintergrund“), um eine weitere Berufsausbildung bestreiten zu können. Die Chance, ohne Pflichtschulabschluss später einen Job zu finden, liegt bei rund 30% (4). Mit einem Pflichtschulabschluss bleibt das Arbeitslosenrisiko mit 22,3% noch mehr als doppelt so hoch als beim Durchschnitt der erwerbstätigen Jugendlichen (5). Das AMS Jugendliche finanziert Deutschkurse und Schulungen, bei denen der Hauptschulabschluss nachgeholt werden kann. Eine direkte Verbesserung der Arbeitsmarktchancen wird zwar nur in Einzelfällen erreicht (6), allerdings werden solche Angebote aus verschiedensten Gründen von Jugendlichen durchaus positiv bewertet. Gerade für Jugendliche, die wenig in soziale Netzwerke eingebunden sind, bieten die Kurse des AMS hilfreiche Anknüpfungspunkte.

Gemeinsam sind wir weniger allein

Die Jugendlichen selbst entwickeln unterschiedliche Strategien, um mit der prekären Arbeitsmarktsituation und ihrer Verwaltung durch das Arbeitsmarktservice umzugehen. Eine Verinnerlichung der Schuld am eigenen Scheitern am Arbeitsmarkt liegt zum Teil schon im ausgeprägten Defizitdiskurs der Umgebung gegenüber den Jugendlichen begründet. Neben zahlreichen individuellen Verarbeitungsformen wählen sie seltener kollektive Strategien, mit ihrer Situation umzugehen. Eine davon ist die gegenseitige Unterstützung und Hilfe unter Freund*innen. Dabei spielen Jugendzentren und andere Treffpunkte eine wesentliche Rolle. Dort werden unter anderem Erfahrungen im Umgang mit dem AMS oder (potenziellen) Arbeitgeber*innen ausgetauscht. Vor allem junge Mädchen unterstützen sich, indem sie gemeinsam zum AMS gehen. So können sie in einem für sie oft männlich strukturierten, teils bedrohlichen Raum bestehen. Kollektives Auftreten am AMS bewerten viele Jugendliche auch als erfolgreiche Strategie, um Willkür von Seiten des AMS zu entgehen. In etablierten Jugendverbänden sind kaum „AMS-Kinder“ organisiert. Andere Formen der Jugendlichen, gemeinsamen Interessen durchzusetzen und den eigenen Stimmen Gehör zu verschaffen sind in Österreich selten von langem Bestand – aber vielleicht umso notwendiger.



Anmerkungen
(1) Da der Autor selbst noch im Rahmen seiner Diplomarbeit zum Verhältnis von Jugendlichen in Wien zum AMS arbeitet und dabei auf Gespräche mit Jugendlichen zurückgreift, wurde die Darstellung der Jugendlichen M. aus forschungsethischen Gründen konstruiert, jedoch inhaltlich und in der Wortwahl an diese Gespräche angelehnt.
(2) Rund 4.000 der 15.000 Jugendlichen sind hier nicht miteinbezogen, da sie nur kurzfristig unterschiedliche Dienstleistungen des AMS in Anspruch nehmen (Daten: Geschäftsbericht AMS Jugendliche 2009).
(3) Daten: AMS Österreich sowie BmASK Arbeitsmarktdaten Jugendliche 15-24jährige Jahresdurchschnitt 2009 (Registerquoten).
(4) Gregoritsch, Petra/Daniel Kamleitner/Günter Kreinbeiß/Renate Lamy/Paul Timar/Michael Wagner-Pinter (2009): Jugendliche mit akutem Qualifikationsbedarf 2008–2018. Monitoring und Prognosen. Wien: AMS Österreich.
(5) 70,8% der arbeitslosen Jugendlichen haben nur einen Pflichtschulabschluss.
(6) Gregoritsch, Petra et al. (2009): a.a.O.;



online seit 31.05.2010 13:45:34 (Printausgabe 50)
autorIn und feedback : Philip Taucher




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