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  Was machen wir nach der ­Revolution?

Wofür kämpfen? Worauf hoffen? Eine Befragung.

Auch wenn die Revolution nicht gerade vor der Türe steht, wollten wir uns daran ­erinnern, was es eigentlich ist, wofür wir kämpfen und worauf wir hoffen.
Deshalb haben wir verschiedene Menschen gefragt, was sie nach der Revolution machen werden.

Überrascht hat uns, dass viele der ­Entwürfe gar nicht utopisch und vielleicht auch nicht wünschenswert sind. Offenbar ist die Revolution doch mehr ­Arbeit als erwartet.

Zusammenstellung der Texte: Finnn und Cutarina




Wir sitzen in der Küche und niemand sagt etwas. In anderen Küchen, so denken wir, sitzen andere, so wie wir. Sie schweigen. Es gäbe viel zu besprechen. Eigentlich gäbe es viel zu tun. Wir wissen, dass wir aufstehen sollten. Wir sollten die Schaufeln packen und rausgehen und Löcher graben und die toten Körper in die ausgebuddelten Löcher werfen, um dann die Gruben zu schließen. Aber wir bleiben sitzen.

Niemand will sich vordrängen. Niemand will aussprechen, was zu tun ist. Solange wir in der Küche bleiben und schweigen, wird nichts geschehen – und das ist gut so.

Es kann nicht ewig so weitergehen. Auch das wissen wir. Irgendwann muss sich jemand erheben. Jemand wird aufstehen und die Schaufel in die Hand nehmen. Jemand wird uns sagen was zu tun ist. Nämlich, dass es vor der Küche nur so von Leichen wimmelt, die begraben gehören. Noch warten wir – gespannt und voller Furcht und Zuversicht – wer es sein wird. Wer wird sich erheben.

Endlich steht jemand auf und packt die Schaufel. Und jetzt stehen auch wir auf und packen die Schaufeln. Jetzt folgen wir jemanden.

Kas´ka (38) glaubt nicht an das langfristige Potential einer Revolution aber sehr wohl an die Möglichkeiten, auch mit wenig Macht aber viel Masse Momente zu generieren, über die eine Ahnung im Gedächtnis haften bleibt, dass es eine bessere Gegenwart geben könnte.




Meine Utopie ist, dass eine bessere Zukunft nicht als Zukunft ohne Behinderung* gedacht wird, sondern DisAbility erwünscht und willkommen ist. Es wäre dann mehr möglich und schon möglich gewesen. Den Weg in die Sondereinrichtungen hätte ich mir z.B. gespart, denn die gäbe es nicht mehr. Es wäre nicht mehr so, dass man für persönliche Assistenz, einen neuen Rollstuhl, für alles und permanent kämpfen muss.

Es gibt dann nicht mehr das Ausgeschlossen-Sein vieler Menschen von Sexualität, Reproduktion und anderen Bereichen. Es gibt plurale Vorstellungen von Schönheit, und Behinderung* ist begehr(enswer)t. Es herrscht nicht mehr die Meinung, Menschen mit DisAbility können keine Kinder großziehen; im Zentrum steht die Frage, was Leute brauchen, um Dinge zu tun. Denn wenn Dinge anders gedacht werden, werden sie anders umgesetzt. Wenn allen klar ist, dass es eine Rampe geben muss, wird es eine Rampe geben. Und es braucht gemeinsame Utopien. Ich finde es wichtig, Dominanzstrukturen plural zusammenzudenken, radikalere Zusammenschlüsse zu bilden und gemeinsam aktivistisch zu sein. Utopie und der Weg dorthin ist machbar, gehbar, rollbar.

Elisabeths Ambition ist: Change Cultural Concepts. Sie engagiert sich akademisch-aktivistisch. Queer DisAbility (Studies) und DanceAbility sind dabei ihre Ausgangspunkte, gegen Ungleichheitsverhältnisse zu denken und zu tanzen.




Dieser Tag nach der Systemrevolution, an dem kein Stein auf dem anderen wäre? Er wäre Chaos, weil wir’s nicht hinkriegten.

Worum’s stattdessen geht ist, Haltungen zu verändern und Beziehungen zwischen Menschen. Es fällt mir total leicht, mir das vorzustellen, weil ich in so einer Gesellschaft im Kleinen schon gelebt habe, für ein paar Tage.

Ich habe dort Leute getroffen, die trugen Revolutionen in sich und hatten mit der Veränderung bei sich selbst begonnen. Ich hab mich noch nie so angenommen gefühlt, mehr als menschliches Wesen gesehen, mit meinem Namen vorgestellt, nicht mit meinem Herkunftsland oder Hintergrund.

Niemand wird als Rassist_in oder Sexist_in geboren, das lernen wir aus dem Fernsehen, der Schule und der Familie. Wenn es gelingt, eine ganze Generation zu erziehen, nicht rassistisch oder sexistisch zu denken, dann ist das die Revolution, sage ich.

Abdi, 20, versucht, gegen Sexismus, Rassismus und Faschismus zu kämpfen, schon früher im Irak und genauso jetzt in Wien.




Nach der Revolution steh ich trotzdem in der Früh auf, aber vielleicht nicht ganz so früh wie heutzutage. Ich trinke Tee, selbstgesammelten Kräutertee. Kaffee ist ein seltenes Luxusgut geworden, da es kaum jemanden interessiert, die Bohnen über so weite Strecken zu transportieren. Mein Kind ist schon vor mir aufgestanden und hat sich auf den Weg ins Kinderhaus gemacht. Der Weg ist kein Problem, die wenigen Autos die unterwegs sind fahren ganz langsam. Wenn er länger braucht, dann wegen der vielen Klettermöglichkeiten die sich unterwegs bieten. Am Vormittag habe ich mich für eine der vielen Arbeitsgruppen eingetragen – zu tun gibt es ja immer noch genug. Wir bauen und reparieren und pflanzen und putzen und kümmern und kochen ja immer noch. Es ist bloß keine Lohnarbeit und dadurch fallen viele unnötige Bereiche weg. Am Heimweg holen wir uns Gemüse von einer der Verteilungsstationen. An vielen Abenden gibt es sicher noch ein Plenum auf dem irgendetwas diskutiert und besprochen werden muss, aber heute mach ich blau und mach es mir mit einem Buch gemütlich.

Anna, 34, hat immer gedacht, dass die Revolution weniger durch Kampf- als durch Überzeugungsarbeit entsteht, denkt inzwischen aber leider anders.




Die erste Maßnahme: Freilassung all jener Gefangenen, die keine Gefahr für die Gesellschaft bedeuten, die sofortige Entrümpelung des Strafgesetzbuches sowie die Einsetzung von MediatorInnen bei den meisten Delikten.

Die zweite Maßnahme: Enteignung bzw. Einzug des Vermögens all derjenigen, die aufgrund von Waffen-, Drogen-, Menschenhandel, Spekulation an den Finanzmärkten oder Korruption in allen Formen aufgrund von kriminellen Machenschaften zu Reichtum gelangt sind, und das sofortige Produktionsverbot von Waffen aller Art.

Die dritte Maßnahme betrifft die Kollektivierung der Produktionsstätten und der landwirtschaftlichen Betriebe, wobei über das Entgelt von den Arbeitenden selbst entschieden wird. Die Selbstverwaltung wird eingeführt und es erfolgt eine gerechte Verteilung der möglichen Gewinne.

Eine weitere Maßnahme ist die Umgestaltung des öffentlichen Erziehungssystems, und zwar im Sinne der libertären Pädagogik. Ziel ist die Transformation der Gesellschaft durch Erziehung in Freiheit, weshalb das Individuum zu Kooperation, Solidarität und kritischem Denken angeleitet wird. Lernstoff ist die Verbindung von Theorie und Praxis, ein ‚Lernziel‘ ist die friedliche Konfliktlösung ohne autoritäres Einschreiten und gleich gar nicht durch Sanktionen.

Ebenso wird das Gesundheitswesen umgestaltet: Alle Menschen werden Zugang zur bestmöglichen Gesundheitsversorgung haben. Die Mittel dafür und für die anderen Maßnahmen werden in ausreichendem Maße durch die im zweiten Schritt gewonnenen Gelder bereitgestellt.

Auch der Wohnungsmarkt wird total umgekrempelt: Immobiliengesellschaften müssen bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung stellen. „Bauherren“ werden wieder die Gemeinden, unter Mitarbeit der Betroffenen.

Doris, 1944 geboren, antiautoritär, antimilitaristisch seit frühester Jugend und dem humanitären Anarchismus verschrieben.




Die Revolution ist das Ende der Welt, so wie wir sie kennen; sie ist aber doch wesentlich anders als das Ende der Welt, so wie wir es uns vorstellen. Die Revolution war, ist hier und heute, und wird selbst „nach der Revolution“ noch sein. Also: Gibt es eine Zeit nach der Revolution?

Dennoch würde ich mich „nach der Revolution“ am liebsten mit Hunden und vielen Büchern in eine einsame Bucht – vielleicht in Griechenland – zurückziehen. Aufbauen sollen Andere, ich kann nur zerstören.

Levent, 36, gescheiterter Intellektueller, wäre lieber Bandit.




NM: Was wir nach der Revolution machen? Wir bereiten die nächste vor.

G: Ich mach das Gleiche wie jetzt, außer es gibt keinen Strom mehr.

M: Die Meinungen sind nicht einheitlich, ob wir danach noch Strom wollen oder ob danach alle Fabriken zerstört werden sollen. Das höre ich öfter und denk mir, hä? Wenn wir erst das E-Werk und die Fernwärme und nächstes Jahr dann den Wiener Wald abfackeln, damit wir nicht erfrieren, dann ist nichts besser geworden. Die Revolution ist eine unüberschaubare Situation, in der sich erst herauskristallisiert, was aufgebaut werden muss.

G: Wir haben alle keine Ahnung, wie wir Verteilung und Produktion organisieren wollen. Ich weiß nicht, wie wir das mit den Bäuer_innen und dem Getreide checken, damit wir Brot haben. Geschweige denn mit den Leuten, die auf der anderen Seite vom Erdball leben. Macht- und Gesellschaftsverhältnisse passieren über Produktion und Verteilung. Das macht die ungleichen Strukturen aus. Wenn das egalitär strukturiert ist, haben Menschen eher die Möglichkeit, sich auf Augenhöhe zu begegnen.

M: Ja, und in revolutionären Situationen entscheiden diese Fragen über Leben und Tod. Die Revolution ist eben kein Abenteuerspielplatz, sie ist Handwerk und Arbeit. Revolution machen heißt tun, was man kann, damit diese Gesellschaft sich verändert. Und dann gibt’s historische Punkte, wo Herrschaft, Gesellschaft, Produktion, Verteilung nicht mehr zusammenpassen, dann kippt das ganze Werk und wird neu skurril zusammengebaut. Das funktioniert eine Zeit lang, bis es wieder kippt.

G: Wir sind alle so verhaftet in den Strukturen, die wir gelernt haben, dass wir keine Ahnung haben, was in anderen Strukturen passieren kann. Da wird viel Scheiße passieren.

M: Und wenn ich am Tag Y nach der Revolution daran festhalte, dass die Welt perfekt ist, bin ich reaktionär ab Tag Z.

Moni (37) und Georg (48) halten gesellschaftlichen Fortschritt für eine Notwendigkeit und lesen daher auch den Falter nicht gern.




Früher hab ich mir vorgestellt, wie wäre Wien autofrei? Da führen Fahrzeuge, die keine Autos sind, auf Häusern wüchsen Bohnen. Es gäbe Shuttlebusse für Leute, die nicht gut gehen können. Ich find’s wichtig sich zu überlegen, wie kann das Leben sein ohne Polizeigewalt, ohne Gerichte? Mir das ausmalen heißt wissen, warum ich politische Arbeit mache. Das ist für mich der Spaß. Den müssen wir weitergeben und uns überlegen, wie die Welt aussehen soll.
Wir werden mehr sein, die ein gutes Leben für alle wollen. Der Kampf wird aber niemals aufhören, gegen das Privateigentum und patriarchale Zustände. Es wird Verhandlungen brauchen über die Enteignungen von Produktionsmitteln, darüber was wir produzieren, wer noch in einer Fabrik arbeiten wird. Atomkraftwerke lassen sich nicht einfach abdrehen.

Wir müssen aufpassen, dass die Konterrevolution nicht zu groß wird, die alles niederschlagen will. Für mich gibt’s aber auch nicht die Revolution, sondern eine permanente, die jetzt schon stattfinden kann.
In jedem Bezirk stehen Küchen für alle, aber nicht für Faschos. Wir haben Büchereien und Zentren, wo sich Leute treffen, feiern, tanzen und diskutieren. Leute können ein Jahr lang was tun, dann woanders hingehen und Neues lernen. Diese Lernprozesse sind wichtig zum Aufbau einer anderen Gesellschaft.

Kollektiv Dinge erarbeiten ist für mich ein Schritt in Richtung Revolution. An den ersten Kindergruppen und der Alternativschule zu tüfteln, hat mir Spaß gemacht. Ich will mittun, wenn wir uns überlegen, wie können viele Leute zu essen kriegen, ohne dass viel Chemie verwendet, neu gebaut wird, Leute ausbrennen. Ich will überlegen, wie Arbeitsprozesse aussehen, damit nur zwei Stunden gesellschaftliche Arbeit jeden Tag oder pro Woche notwendig sind. Darauf habe ich große Lust.

Ich: 50 plus und ständig hungrig nach gutem Essen und Bewegung




Die Städte waren voll. Maßlos voll. Das Elend unbeschreiblich. Nach der Revolution, für die fast die Hälfte aller Stadtbewohner*innen ihr Leben gelassen haben, müssen wir unser Leben neu strukturieren. Doch das Trauma der Städte ist für viele zu erdrückend. Es treibt sie hinaus aufs Land. Allerdings ist die große graue Mauer noch da und obendrein steht die Landbevölkerung im bewaffneten Kampf gegen die Revolutionär*innen der Städte.

Daher organisieren wir uns. Richten geheime Tunnel und Fluchtkorridore ein. Bilden uns im Nachtsehen und Lautloslaufen aus, lernen die Orientierung an Sternen und Zeichen der Landschaft kennen und wandern langsam und vorsichtig in Kleingruppen hinaus in das weite, scheinbar leere dunkle Land. Manche, um einfach nur um eine nächtliche Atem-Pause im Grünen zu erhaschen oder einen echten Apfel zu klauen. Andere, um länger zu bleiben. Ein paar haben alte Überlieferungen mit dabei: Damals im Jahre Schnee soll es noch Landkommunen gegeben haben, die nicht zu Handlanger*innen der Städte geworden sind.

Menschen die als freie Menschen das harte Leben in den Feldern vorgezogen haben, um sich selbst und andere zu versorgen. Menschen, die mit wenig überlebten, aber die Natur über alles liebten. Menschen die auch heute – 50 Jahre später – vielleicht noch gastfreundlich sind. Die für die Übriggebliebenen aus den Städten eine kleine Insel zum Rasten freigehalten haben. Dieser einsamen Lebenslust, Genügsamkeit und Konsequenz sei unser Dank gewiss.

Ein*e Stadtbewohner*in, 36, interessiert sich für multiple Freiräume




Wenn es eine gute Revolution ist, sind nach ihr die Ressourcen auf der Welt gerechter verteilt. Nicht mehr ums Überleben kämpfen müssen. Wir sind wach. Wir sind da, und wir haben keine Angst. Wir spüren uns selbst. Wir müssen uns nicht betäuben. Wir haben gelernt, unsere Gefühle anzunehmen, auch die, die wehtun. Wir haben gelernt, auf unsere inneren Impulse zu hören und ihnen zu vertrauen. Nicht mehr getrieben sein. Endlich können wir das tun, was sich wirklich sinnvoll anfühlt! Unsere Kinder entdecken eine Welt, in der sie sich entfalten können. Lebendigkeit.

Wir können ineinander lebendige Menschen mit Gefühlen sehen, wir können Andere leben lassen. Wir müssen uns nicht mehr über Andere stellen und unser Herz nicht mehr verschließen. Wir haben keine Angst mehr, dass uns unser Gegenüber berührt. Wir sind zugewandt und in Kontakt – mit uns selbst, miteinander, mit der Welt.

Wenn es eine gute Revolution ist, dann begegnen wir nach ihr in der U-Bahn glücklicheren Menschen. Sogar in Wien.

Maya (30) hält für wahrscheinlich, dass die Revolution in uns und zwischen uns beginnt – vielleicht gerade in diesem Moment.

online seit 31.05.2017 15:35:49 (Printausgabe 77)
autorIn und feedback : Finnn und Cutarina




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