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  „Islamkritik“ in Hochzeiten des Rechtspopulismus

Warum sich linke Debatten zu Islamismus, islamisiertem Antisemitismus und „dem Islam“ ändern sollten

Derzeit wird in der Linken nach jeder Wahl über den Aufstieg rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien debattiert: Während für die einen der demokratisch gewählte Faschismus vor der Türe steht, warnen die anderen vor linkem Alarmismus. Tatsächlich ist die Sache alles andere als ausgemacht – vielmehr ist ein Kampf um politische Vorherrschaft im Zuge einer Hegemoniekrise zu beobachten: Die niederländischen Wahlen resultierten in nur moderaten Zugewinnen (und einem deutlichen Abrutschen gegenüber Umfrageergebnissen) des Rechtspopulisten Geert Wilders. Auch in Österreich konnte sich FPÖ-Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer in der Stichwahl im Dezember 2016 nicht gegen seinen grünen Konkurrenten Alexander Van der Bellen durchsetzen. Dies jedoch vielleicht nicht zuletzt aufgrund des linken und liberalen „Alarmismus“ und der breiten Mobilisierung in den Monaten davor – denn im ersten Wahlgang hängte Hofer alle anderen mit erschreckendem Abstand ab und erhielt auch in der Stichwahl immerhin 46,2% der Stimmen. Anders gesagt: fast die Hälfte wählte im Dezember rechtsextrem und in aktuellen Umfragen kommt die FPÖ auf bis zu 35% – und das ist dann doch ernst zu nehmen. Vor allem deshalb, weil die aktuelle Politik mit der Angst nach wie vor das Potenzial hat, rechtspopulistische und -extreme Parteien in diverse europäische Regierungen zu bringen. Die nächste Zitterpartie steht – trotz Macron – in Frankreich an, wo im April gewählt wird und der Front National monatelang vorne lag.

Insofern muss aus linker Perspektive nach den Gründen für recht(sextrem)e Wahlerfolge und vor allem nach Gegenstrategien gefragt werden. Analysen zeigen, dass rechtspopulistische und -extreme Angebote bei Personen wirken, die einerseits „das Polit-Establishment“ ablehnen, und andererseits sozialen Abstieg sowie „Überfremdung“ bzw. „Islamisierung“ fürchten. Mit der Zunahme islamistischer Anschläge in Europa lässt sich beobachten, dass ein strukturell antisemitischer Anti-Eliten-Diskurs und antimuslimischer Rassismus derzeit in einer neuen Form interagieren – und zwar so: „Die da oben“ und der „Moloch EU“ schützen „uns“ nicht vor „Flüchtlingsströmen, Islamisierung und Terror“, daher braucht es eine autoritäre Alternative, die durchgreift. Grund genug für die Linke, sich mit der Funktion des antimuslimischen Ressentiments zu beschäftigen, was jedoch nicht immer der Fall ist. In Teilen des ideologiekritischen Spektrums wird eine Analyse diskursiver Verschiebungen mitunter als anti-theoretische Oberflächenmakulatur abgetan und Hinweise auf antimuslimischen Rassismus als kulturrelativistische Islam-Apologetik. Die pauschale Abwehr einer Auseinandersetzung mit dem antimuslimischen Ressentiment führt mitunter auch dazu, dass dieses reproduziert wird.

Ideologiekritik oder antimuslimische Zuschreibung?

Im Gefolge der Zweiten Intifada, Anfang der 2000er, spalteten sich Teile der Wiener Linken in ein israelsolidarisches und ein palästinasolidarisches Lager. Auf Seiten der wert- und ideologiekritisch verorteten Israelsolidarität stand dabei neben der Kritik am israelbezogenen Antisemitismus antiimperialistischer Gruppen auch die Frage im Mittelpunkt, was Wertkritik und Psychoanalyse zur Erklärung von islamisiertem Antisemitismus und speziell palästinensischen Selbstmordattentaten beitragen können.

Prinzipiell eine wichtige Frage, allerdings wird innerlinks debattiert, ob nicht Teile der ideologiekritischen Perspektive homogenisierend-kulturalistische Zuschreibungen an „die Moslems“ reproduzieren—zuletzt im Rahmen einer „Islamkritik“-Reflexion in der Jungle World. Auf die Forderung nach differenzierterer Kritik  (1) folgte dort eine Replik ( 2), in der zutreffend argumentiert wird, dass Kulturalismus auf eine „Rassifizierung im neuen Gewand“ hinauslaufen kann. Dann wird dieses Argument übersteigert, indem behauptet wird, eigentlich seien es die Antirassist_innen selbst die auf eine „Islam-Ontologisierung“ hereinfallen würden, da sie die Muslimness erst konstruieren würden. Das ist falsch, denn Rassismuskritik fokussiert auf die Konstruktion des Ressentiments und trifft daher bei der Analyse keinerlei Aussagen über die rassifizierten Subjekte (z.B. Muslim_innen) – und das nicht zuletzt, um den korrespondenztheoretischen Fehlschluss „Irgendwie sind die zwar eh so, aber …“ zu vermeiden. Daher ist eine Abwehr der Kritik am antimuslimischen Ressentiment als „Kulturrelativismus“ oder „Islamneid“ vor allem Ausdruck linker Schaukämpfe und ebenso falsch, wie ein pauschaler Rassismusvorwurf an ideologiekritische Perspektiven. (3)

Beispiele für tendenziöse „Islamkritik“

Wichtiger ist die Frage, ob ideologiekritische Perspektiven Zuschreibungen reproduzieren – und dies passiert mitunter. Obwohl der Ansatz (richtigerweise) jegliche „Wesenhaftigkeit“ bzw. Muslimness dekonstruieren will, wird dies an zwei Punkten ungewollt reproduziert: Erstens, wenn homogene „kulturelle/islamische Praktiken“ konstruiert werden; und zweitens, wenn davon ausgegangen wird, dass sich islamische/islamistische Ideologie eins zu eins ins Individuum übersetzt. Ersteres manifestiert sich z.B. in einem mehrfach publizierten Text zur „Psychopathologie des Islam“, in dem die Autorin Natascha Wilting eine homogene „islamische Erziehungspraxis“ entwirft, deren geschlechtsspezifische pathologische Folgen fast zwingend im Selbstmordattentat enden. (4) Um nicht falsch verstanden zu werden: Jede Religion erzeugt Pathologien, so natürlich auch der Islam – allerdings sollte die Kritik religiöse Alltagspraxis nicht einfach konstruieren bzw. behaupten, da es sich dann nicht um Analyse, sondern um Zuschreibung handelt. Gleiches gilt für die Annahme, allein durch „Koranexegese“ psychoanalytische Rückschlüsse auf muslimisch/islamisch sozialisierte Personen ziehen zu können. Dies findet sich zum Teil in Gerhard Scheits an Freud anknüpfende Thesen zum Unterschied zwischen christlichem und islamischem Antisemitismus, in denen mit Verweis auf die „doppelte Herrschaft des Islam“ eine quasi unentrinnbare Wirkmächtigkeit der Religion postuliert wird. (5) Ein absolutes Dead End der Ideologiekritik stellt jedoch Thomas Mauls Versuch dar, mittels Koranexegese „islamfaschistische“ Vergesellschaftung sowie eine – erschreckend orientalistisch konstruierte – spezifisch islamische Misogynie herzuleiten. (6) Wer jedoch Freuds analytisches Vorgehen ernst nehmen will, sollte die Auseinandersetzung damit, wie sich religiöse Ideologie im Individuum manifestiert (oder auch nicht), z.B. in Form psychoanalytischer Tiefeninterviews, vor eine Auseinandersetzung mit diversen heiligen Schriften stellen, da sich sonst wieder das Zuschreibungs-Problem auftut.

Auch die weitgehende Ausblendung von politischen Konflikten innerhalb „islamischer Gesellschaften“ schafft ein monolithisch-­essenzialistisches Bild – und dies sollte in Zeiten, in denen Rechtspopulist_innen und -extreme u.a. am antimuslimischen Ticket nach oben schwimmen, hinterfragt werden. Dafür wären jedoch ein paar ideologiekritische Fehlannahmen zu dekonstruieren.

Aufklärungsrettung im Jahr 2017

Der Hinweis auf das Ineinanderlaufen von Ideologiekritik und antimuslimischer Zuschreibung ist als Aufforderung zu verstehen, rassismustheoretische Basics, wie etwa die Analyse von differentialistischem bzw. kulturalistischem Othering ernst zu nehmen und die anti-analytische Rede, dass dies Blödsinn sei, da es sich beim Islam ja nicht um eine „Rasse“ handle, ad acta zu legen. (7( Zweitens sollte die Vorstellung hinterfragt werden, dass ein tapferes Häuflein ideologiekritischer Aufklärungsretter_innen einer quasi geschlossenen „Antira-Blase“ gegenüberstehe, die -Ismen und extremistische Tendenzen innerhalb als muslimisch gelabelter Communities negiert und islamistischen Terror herunterspielt. Die Fehleinschätzung, dass einfach nicht genug über „den Islam“ geredet würde, findet sich aktuell auch am Blog des Grazer Psychoanalytikers Sama Maani. (8) Drittens ist die Vorstellung zu hinterfragen, dass Rassismuskritik ein „positives Islambild“ konstruiere – und in Bezug darauf einzusehen, dass (so es sich nicht um kulturrelativistische Apologetik handelt) eben gar kein Islambild konstruiert, sondern darauf hingewiesen wird, dass es im antimuslimischen Diskurs um Projektionen geht, die mit „dem Islam“ oft wenig zu tun haben.

Der Hinweis auf die rechte Vereinnahmung einer Pseudo-Islamkritik ist jedoch auch in ideologiekritischen Kontexten nicht neu – so zeigte Jörn Schulz bereits vor Jahren, dass sich Religionskritik und eine gleichzeitige Kritik am rassistischen Diskurs nicht ausschließen. (9) Ebenso wenig schließt sich eine gleichzeitige Auseinandersetzung mit Islamismus, islamisiertem Antisemitismus sowie deren rechter Vereinnahmung aus, wie ein neuer Sammelband zum Aufstieg von FPÖ und AfD zeigt. (10) Und, last but not least: es ist ein politischer Fehler, in Zeiten einer Hegemoniekrise die Auseinandersetzungen mit Ideologie und politischem Diskurs gegeneinander auszuspielen zumal Ideologiekritik meist nur auf der diskursiven Ebene von Vorträgen, Demos oder Artikeln stattfindet. Die „Aufklärung retten“ hieße daher aktuell, mit tendenziöser Islamkritik aufzuhören und lieber Kräfte zu bündeln, um dem Aufstieg der Recht(sextrem)en etwas entgegen zu setzen – und das am besten noch bevor diese damit beginnen können, diverse Staatsapparate nachhaltig umzubauen.

(1) Jonas Fedders: Differenzierter, bitte!, in: Jungle World 42/16
(2) Moritz Hoffmann: Große Scheuklappen, in: Jungle World 43/16
(3) Lea Susemichel: an.sage: islamophobphob, in: an.schläge V/15
(4) Natascha Wilting: Psychopathologie des Islam, in: Bahamas 38/02; veränderte Neufassung: Die Lust an der Unlust. Oder warum der Islam so attraktiv ist, in: Ljiljana Radonic/Renate Göllner: Mit Freud. Gesellschaftskritik und Psychoanalyse, ça ira Freiburg 2007
(5) Gerhard Scheit: Keine Ringparabel, in: Jungle World Nr. 45/06
(6) Thomas Maul: Sexualität und Despotie, in: Jungle World Nr. 20/10
(7) Anfang März dieses Jahres wurde in Wien unter dem Titel „Wie die Multirassisten die Verfolgten im Stich lassen“ ein Vortrag zum Thema organisiert, in dessen Ankündigung dies nachvollziehbar wird (https://zeit.diebin.at/events/2261).
(8) Sama Maani: Warum wir Linken über den Islam nicht reden können, in: Der Standard, 01/17
(9) Jörn Schulz: Wer nicht fragt bleibt dumm, in: Jungle World 33/11
(10) Stephan Grigat (Hg.): AfD & FPÖ. Antisemitismus, völkischer Nationalismus und Geschlechterbilder, Nomos, Baden-Baden (im Erscheinen)

online seit 10.06.2017 14:25:11 (Printausgabe 78)
autorIn und feedback : Julia Edthofer




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