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  Die „Identitären“: mediengeil und neofaschistisch

Der Sammelband „Untergangster des Abendlandes“ ist eine umfassende Studie über die Wesenszüge der „Identitären“ und die Besonderheiten des österreichischen Rechtsextremismus

Als Ende September 2012 eine Handvoll junger Männer mit Schweins- und Affenmasken auf einem Caritas-Fest in einem Wiener Randbezirk zu sogenannter Hardbass-Musik rumhampelten und die Anwesenden anpöbelten, wusste kaum jemand, was die Aktion zu bedeuten hatte. Es war dies allerdings der erste öffentliche Aufritt der „Identitären Bewegung Österreich“ (IBÖ), die sich damals noch „Wiener Identitäre Richtung“ nannte. Mittlerweile zählen die „Identitären“ zu den zentralen AkteurInnen des Rechtsextremismus sowohl in Österreich als auch in Deutschland.

Judith Goetz, Joseph Maria Sedlacek und Alexander Winkler klären mit ihrem Sammelband Untergangster des Abendlandes nun über die „Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ‚Identitären‘“ auf. Die HerausgeberInnen selbst beobachten die Umtriebe der „Identitären“ seit ihrer Entstehung. Ihr Buch ist nach Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa (Unrast 2014) von Julian Bruns, Kathrin Glösel und Natascha Strobl das zweite in Wien entstandene Grundlagenwerk für die kritische Beschäftigung mit der „patriotischen Jugendbewegung“, wie sich die IBÖ selbst gerne nennt.

Theorie und Praxis gegen die IB

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass die zwei Sammelbände aus Wien stammen. Immerhin liegt hier ein Knotenpunkt der gesamteuropäischen „Identitären“ und die Auseinandersetzung ist daher sowohl in Praxis als auch Theorie seit Längerem unumgänglich. Im sehr ausführlichen Einleitungskapitel nehmen Goetz, Sedlacek und Winkler auch gleich auf Bruns, Glösl und Strobl Bezug und kritisieren deren zu „deskripitive“ Beschreibung der „Neuen Rechten“ und die mangelnde Erfassung der Besonderheiten des österreichischen Rechtsextremismus. Das ist jedoch weniger mit einem abwertenden Vorwurf verbunden, als mit der Erkenntnis, dass knapp vier Jahre später ein tiefgreifenderer analytischer Zugang notwendig sei.

Zentral ist dabei vor allem die Einsicht, dass viel zu lange nicht begriffen wurde, welches Gefahrenpotential von den anfangs zahlenmäßig noch sehr überschaubaren „Identitären“ ausgeht – nicht von den vornehmlich am Spektakel interessierten österreichischen Medien und fatalerweise auch nicht von weiten Teilen der politischen Linken. Die IBÖ war zwar schnell auf dem Schirm österreichischer Antifaschist­Innen, jedoch überwog die Annahme, dass die FPÖ zu stark sei, als dass sich ein weiterer Akteur extrem rechter Provenienz behaupten könne. Jedoch wurde verkannt, wie Judith Goetz schreibt, dass 2010/2011 auf außerparteipolitischer und aktivistischer Ebene eine Leerstelle entstanden war, als das Netzwerk um den nach wie vor inhaftierten Neonazi Gottfried Küssel – zu dem auch der führende Kopf der IBÖ, Martin Sellner gehörte – von den Behörden zerschlagen wurde. Hier konnte die IBÖ einspringen. Seit damals vermarktet sie sich als „weder links noch rechts“ oder mit dem Label „Ibster“, um sowohl Harmlosigkeit als auch Hipness zu suggerieren.

Modernisierter Rechtsextremismus

Im Ringen um die „kulturelle Hegemonie“ würden die „Identitären“ nicht nur die Straße, sondern auch die Social Media als zentrale Orte ihres Aktivismus ansehen. So gelingt es ihnen eine breite Öffentlichkeit zu erreichen und AnhängerInnen zu mobilisieren. Dabei wird von den AutorInnen immer wieder betont, dass die „Identitären“ letztlich nur „Scheinriesen“ sind, sprich, sie machen sich größer und bedeutender, als sie wirklich sind – und die Medien gehen ihnen dabei meist auf den Leim. Das Spektakel rund um die an Zynismus kaum zu überbietende Kampagne „Defend Europe“ im letzten Sommer kann hierfür als jüngstes Beispiel gelten (siehe MALMOE 80).

Trotzdem ist das Phänomen der „Neuen Rechten“, die sich selbst als Avantgarde der „Konservativen Revolution“ ansehen, natürlich von erheblicher Relevanz, sind sie doch in einem ohnehin menschenfeindlichen Diskurs Einheizer im Dienste neofaschistischer Ideologie.

Der zweite strategische Eckpfeiler sei die vordergründige Abgrenzung zum Nationalsozialismus. So ließe sich nicht nur die strafrechtliche Verfolgung nach dem Verbotsgesetz umgehen, sondern auch letztlich auf faschistischen Ideologemen beruhende Argumente salonfähig machen. Alles in allem verkörperten die „Identitären“ eine modernisierte Form des Rechtsextremismus, die oftmals mit popkulturellen Zitaten geschmückte Aufmachung passe da nur allzu gut dazu. Die leider geglückte ideologische Erneuerung stelle aber natürlich keine Abkehr von völkisch-rassistischen, sexistischen oder antisemitischen Positionen dar, die sich nicht selten gewalttätig artikulierten.

Vielfältige Fragestellungen

Im Großen und Ganzen ist der Sammelband sehr dicht gestaffelt und in den einzelnen Fragestellungen gleichzeitig sehr vielfältig. Besonders bestechend sind der Artikel von Judith Goetz, die u. a. beschreibt, wie auf einer Grundlage des „Antigenderismus“ ein „identitärer“ Feminismus propagiert wird und Heribert Schiedels Untersuchung über das Nahverhältnis von rechtsextremer und djihadistischer Ideologie. Seine These der „verfeindeten Freunde“ mag zwar zuerst irritieren, ist aber gewiss diskussionsanregend. Sehr erhellend ist auch die Schilderung Elke Rajals über den Eiertanz, den die „Identitären“ in Bezug auf Antisemitismus und ihr Verhältnis zu Israel aufführen. Dabei werde die vorgebliche Abgrenzung zum Antisemitismus in der Realität von einem verschwörungstheoretischen Antiglobalismus und einem völkischen Antikapitalismus übertrumpft, die flugs offen antisemitische Projektionen ergeben. Andere Beiträge thematisieren das Bündnis zwischen der IB und russischen Faschisten oder warum die „Neue Rechte“ so viel Gefallen an einem merkwürdigen Musikgenre namens Neofolk findet.

Gegen Ende des Buches lösen sich die Beiträge von der bis dato strikt durchgesetzten Aufsatzform: Unter der Fragestellung „Wie kann ein Engagement gegen menschenfeindliche Einstellungen aussehen?“ werden beispielsweise eine Journalistin, ein Jugendarbeiter oder eine Antifa-Aktivistin um ihre Erfahrungen gebeten. Interessante Einblicke gewährt dies allemal, auch wenn manche Antworten etwas standardisiert wirken. Ein abschließendes Schmankerl gibt es schließlich mit Stefanie Sargnagels Gedicht Wien X.

Bis ins letzte Detail

Wie vielleicht schon durchgeschimmert ist, kommen die Analysen in Untergangster des Abendlandes sehr geballt daher. Das heißt nicht, dass das Buch für EinsteigerInnen ins Thema ungeeignet wäre, dennoch hätte ein zugänglicherer Stil manchem Aufsatz gutgetan. Generell bauen die Artikel zwar stringent aufeinander auf, allerdings wiederholen sich manche Gedanken – vor allem, was terminologische Erläuterungen anbelangt. Inhaltlich hätte man noch die Zukunftsfähigkeit der „Identitären“ anschneiden können. Wie lässt sich zum Beispiel das Gefälle zwischen den sich intellektuell und kulturrevolutionär gebenden Führungskadern und der teils Bomberjacken, teils Lederhosen tragenden Gefolgschaft dauerhaft überbrücken? Was wird aus den außerparlamentarischen AktivistInnen, da nun die Anbindung an die FPÖ und die Burschenschaften bzw. an die AfD immer enger zu werden scheint?

Die Theorien der „Neuen Rechten“ werden ansonsten sehr plausibel und anschaulich zerpflückt. Dabei stehen politische Argumente neben einer nüchtern-analytischen Aufdeckung der „identitären“ Widersprüche – „eine Ideologie, die so offenkundig außerstande ist, die von ihr behaupteten zentralen Kategorien zu definieren, wäre normalerweise zum Scheitern verurteilt“, meint die Autorin Ines Aftenberger, muss gleichzeitig aber bemerken, dass manche Argumentationsmuster, wie der kulturalistische Rassismus, so stark in gesamtgesellschaftlichen Diskursen verankert sind, dass ihre „Logik“ dennoch überzeugt.

Bemerkenswert ist auch, wie detailversessen das Material aufgearbeitet wurde. Die IB produziert Social-Media-Content am laufenden Band, darüber hinaus gibt es unzählige Artikel in Blogs und Zeitschriften, eine Unmenge an Positionspapieren, Interviews und sonstige Rülpser. Es wirkt jedoch so, als gäbe es kein Dokument, das im Sammelband nicht seziert worden wäre. So gilt es den AutorInnen schließlich dafür Anerkennung zu zollen, dass sie sich unablässig – wohl auch gemäß dem Credo „Kenne deinen Feind“ – durch diese ganze gequirlte Scheiße schlagen und die Ergebnisse ihres Tauchgangs durch den braunen Sumpf auf eine solch bereichernde Weise komprimieren.


Judith Goetz, Joseph Maria Sedlacek, Alexander Winkler (Hg.) (2017): Untergangster des Abendlandes. Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ‚Identitären‘. Hamburg, Marta Press. 436 Seiten, 20 Euro.

online seit 23.06.2018 11:49:38 (Printausgabe 82)
autorIn und feedback : Claus Seedorf




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